Sonntag, 1. Juli 2012

Murphy's Law ...


lautet bekanntlich: „Anything that can go wrong, will go wrong." (zu Deutsch: alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen). Diese Lebensweisheit klingt vielleicht wie ein Studentenulk, muss aber bei sicherheitsrelevanten Entscheidungen und beim Risikomanagement durchaus in Betracht gezogen werden. Flugzeuge stürzen ab, Schiffe versinken und grösste anzunehmende Unfälle treten ein, obwohl sie vielleicht unwahrscheinlich erscheinen. 

Was hat all das mit den Unfällen auf der A8 zu tun? Die StuttgarterZeitung vom 14.06.2012 fand heraus, dass LKWs besonders häufig beteiligt sind. LKWs transportieren oft Gefahrgüter, die, wenn sie bei einem Unfall freigesetzt werden, Folgeschäden verursachen können. Beispiele:
  • am 22.02.2011 verunglückte ein Tanklastzug auf der Wasserbachtalbrücke und verlor seine Ladung. Glück im Unglück: An der Brücke befand sich zufällig ein Auffangbecken.
  • etwas aktueller, nämlich am 04.06.2012 verunglückte an der Rohrer Höhe ein LKW beladen mit hochexplosivem Gas. Glück im Unglück: es kam nicht zur Explosion.
Glück im Unglück hat man manchmal, aber man darf sich nicht darauf verlassen. Das Schweizer Fernsehen berichtete  am 06.06.2012, dass aus Kostengründen zunehmend Gefahrguttransporte von der Schiene auf die Straße verlagert werden. 

Neben Sachschäden sind leider allzu oft auch Personenschäden zu beklagen. Laut der Stuttgarter Zeitung fuhr am 26.06.2012 ein Sattelschlepper trotz Vollbremsung auf ein Motorrad auf (Waren die Geschwindigkeiten den Verkehrsverhältnissen angepaßt?). Das Motorrad wurde dadurch auf den Mittelstreifen katapultiert, wo es von einem weiteren Sattelzug, der auch nicht mehr bremsen konnte, überrollt wurde. Der heftige Zusammenprall führte zum Aufreißen des Tanks und Auslaufen von Kraftstoff, welcher sofort Feuer fing. Bilanz: ein schwer verletzter Biker, erheblicher Sachschaden, ein Brand, explodierende Ladung (wieder Glück im Unglück: geladen waren bloß Dosen mit Energy-Drinks und kein Gefahrgut), Vollsperrung der Autobahn, kilometerlange Rückstaus auf A8 und A81. Einen weiteren Bericht hat die Leonberger Kreiszeitung und bei der Freiwilligen Feuerwehr Leonberg stehen Bilder vom Einsatz mit 7 Fahrzeigen und mehreren Dutzend Einsatzkräften. Der Unfall ereignete sich auf der A8 nahe bei der Auffahrt Leo-West in Richtung Karlsruhe.

Unweit des Unfallortes heben die Behörden befremdlicherweise sämtliche Streckenverbote einschließlich Tempolimit auf.
Bild 1: Bei der Einfahrt Leo-West werden sämtliche Streckenverbote kurz vor der Wasserbachtalbrücke und der darauf folgenden Steigung aufgehoben

Am 01.03.2012 schrieb die Leonberger Abgeordnete Sabine Kurtz an die Staatssekretärin Dr. Gisela Splett im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur: "Wie Sie sicher wissen, wurde nach schweren Unfällen am 21. Februar 2011 auf der A 8 an der Wasserbachtalbrücke in östlicher Richtung ein Tempolimit von 80 km/h verhängt. Nachdem diese Geschwindigkeitsbegrenzung wieder aufgehoben worden war, ereignete sich am 9. Januar 2012 eine erneute schwere Unfallserie zwischen dem Autobahndreieck Leonberg und Rutesheim. Die Bilanz waren ein Toter, zwei Schwerverletzte, sowie ein Stau mit einer Länge von rund 40 Kilometern. Weitere schwere Unfälle ereigneten sich seitdem u.a. am 18. Januar 2012, am 30. Januar 2012, am 7. Februar 2012, am 9. Februar 2012 und am 11. Februar 2012. Die Häufigkeit und die Schwere dieser Unfälle machen mich, wie auch viele Bürgerinnen und Bürger, betroffen." Abschließend bat Frau Kurtz weitere Maßnahmen zur Verbesserung von Lärmschutz, Verkehrssicherheit und Schadstoffbelastung zwischen Leonberg und Heimsheim zu prüfen. 

Frau Dr. Splett antwortete am 29.03.2012 wie folgt: "Nach Auswertung der polizeilichen Unfallstatistiken ist auf dem entsprechenden Abschnitt der A8 keine Unfallhäufungsstelle feststellbar. Im langjährigen Vergleich der Monate Januar und Februar liegt das Jahr 2012 mit insgesamt 14 Verkehrsunfällen unter dem Durchschnitt der Jahre 2006-2010 mit 21 Verkehrsunfällen. Im Jahr 2011 hatten sich im gleichen Zeitraum bereits 24 Unfälle ereignet. Es gibt daher keine Grundlage für die Anordnung einer Geschwindigkeitsbeschränkung aus Verkehrssicherheitsgründen". Auf diese Analyse von Dr. Splett entgegnen wir: 
  1. Selbst wenn eine Behörde durch Unfallserien mit Toten und Verletzten nicht besonders beeindruckt sein mag, so erwarten wir als Verkehrsteilnehmer dennoch die Umsetzung von Maßnahmen, um die heute bestehenden Risiken zu mindern. 
  2. Der Vergleichszeitraum 2006-2010 ist abwegig: in dieser Zeit wurde die A8 umgebaut und war Baustelle und Staufalle. Die Unfallhäufigkeit in diesem Zeitraum ist aufgrund vollkommen andersartiger Verkehrsverhältnisse ungeeignet, um zu bewerten, ob ein Tempolimit die Unfallhäufigkeit statistisch mindern kann. 
  3. Auch ein Vergleich der Zahlen von 2011 und 2012 hinkt: Die Unfallwahrscheinlichkeit in den Wintermonaten hängt ohne Zweifel stark von den Witterungsverhältnissen ab. Anfang 2012 hatten wir bekanntlich kaum winterliche Straßenverhältnisse, was die niedrigere Unfallzahl erklärt. Eine belastbare Aussage über ein Tempolimit entsteht nur dann, wenn man den Witterungseinfluß statistisch eliminieren würde. 
  4. Der Tanker-Unfall, der zur Verhängung des Tempolimits führte ereignete sich am 21.02.2011. Während der beiden Vergleichszeiträume Januar/Februar 2011 und 2012 galt also während 86% der Zeit kein Tempolimit, nur 14% des Zeitraums in 2011 bestand (anders als in 2012) ein Tempolimit. Wie nun die Staatssekretärin durch den Vergleich der beiden Unfallhäufigkeiten Rückschlüsse auf die Wirksamkeit des (zumeist ja gar nicht bestehenden) Tempolimits zu ziehen versucht, erschließt sich nicht. 
Gewiß gibt es im Ministerium kompetente Experten, denen auch aufgefallen sein dürfte, dass die angeführten Argumente ungeeignet sind, belastbare Erkenntnisse über die Wirksamkeit eines Tempolimits zu erlangen. Dennoch verwendet die Staatssekretärin solche Argumente in ihrer offiziellen Antwort auf eine Anfrage einer Landtagsabgeordneten, also einer Mandatsträgerin. Wir werten eine solche Auskunft als nicht konstruktiv, sondern als bewusste Verschleierungstaktik. Wir erlauben uns deshalb den Vorgang in der uns angemessen erscheinenden Deutlichkeit folgendermaßen zu kommentieren:

Verehrte Frau Doktor: Sie lehnen Maßnahmen zur Entschärfung eines öffentlich bekannten Sicherheitsrisikos mit unplausiblen Argumenten ab. Offenbar tun Sie lieber gar nichts. Risikomanagement? Fehlanzeige! Wir vermissen in Ihrer Behörde Verantwortungsbewusstsein. Wir vermissen bei Ihnen persönlich jegliche Betroffenheit. 
Falls jetzt noch jemand Zweifel hat: Der Einfluß der Geschwindigkeit auf Unfallzahlen und -schwere ist seit vielen Jahren wissenschaftlich geklärt. Wir empfehlen dazu die Lektüre der industrienahen 19.Uniroyal-/Continental-Verkehrsuntersuchung von Prof. Dr.-Ing. Jürgen Steinbrecher und  Dr. Dieter Ellinghaus, wo auf Seite 36 steht: „Der Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Unfallhäufigkeit und Unfallschwere gilt unter Ver­kehrs­experten als unstrit­tig ... Nach geltendem Verständnis steigt die Unfallrate im Quadrat der Geschwin­dig­keit, die Verletzten­quote in der 3. Potenz und die Getötetenrate in der 4. Potenz. Trotz dieses rasanten Ge­fähr­dungs­anstiegs erweist es sich, und das nicht nur in Deutschland, als außerordentlich schwierig, Ge­schwin­dig­keits­grenzen durch­zusetzen“.
Bild 2: Diese Aufnahme entstand nahe der Stelle, wo sich der Unfall vom 26.06.2012 ereignete. Kurz vor Aufhebung aller Streckenverbote bei der Einfahrt Leo-West bereiten sich hier schon mal die LKWs auf ihr sportliches Elephantenrennen vor - hinauf auf die Steigung hinter der Wasserbachtalbrücke (siehe Bild 1). Auf der linken Spur beschleunigen derweil schwere Rennreiselimousinen auf 200 km/h (und so mancher Kleintransporter übrigens auch). Über Unfälle braucht man sich eigentlich nicht zu wundern. Risikovorsorge sieht anders aus.