Sonntag, 8. Dezember 2013

Verkehrsminister Hermann über Tempolimits für Güterzüge in Wohngebieten

Ein Güterzug brettert auf Bahnsteig 1 durch den S-Bahnhof Rutesheim
Zur Bundestagswahl 2013 fragten wir alle unsere Wahlkreis-Kandidaten, wie sie zu Gefahrgut-Transporten mit Güterzügen stehen, die auf S-Bahnstrecken mitten durch unsere Wohngebiete fahren (hier sind deren Antworten dokumentiert). In einer Wahlveranstaltung am 13.09.2013 in Leonberg bat uns der baden-württembergische Minister für Verkehr und Infrastruktur Winfried Hermann, dem wir die gleichen Fragen stellen wollten, diese schriftlich zu stellen, um eine fundierte Antwort in seinem Hause ausarbeiten zu lassen. Auf dieses Schreiben vom 14.09.2013 antwortete der Minister mit einem persönlich unterzeichneten fünf Seiten langen, ausführlichen Schreiben vom 18.11.2013. Dafür bedanken wir uns. Wir zitieren zunächst die Fragen und erlauben uns die Antworten - ganz so wie immer - mit spitzer Feder zu kommentieren :-)

Minister Hermann eröffnete im Dezember 2012 die S-Bahnstrecke S6/S60. Sie führt durch viele Wohnviertel, unter anderem auch durch unseren Ortsteil Leonberg-Silberberg. Eine solche Nähe zu Wohnvierteln ist selbstverständlich und unverzichtbar für den öffentlichen Personennahverkehr. Neben der S-Bahn nutzen allerdings auch viele Güterzüge jene S-Bahnstrecke, insbesondere nachts und zumeist mit hohen Geschwindigkeiten. In letzter Zeit ereigneten sich viele schlimme Güterzugunfälle (exemplarische Liste in Anlage), die in Wohngebieten fatale Konsequenzen nach sich ziehen können. Deshalb fragen wir:
  1. Sind die öffentlichen Mittel für den Personennahverkehr, mit denen Anliegergemeinden den Ausbau der S6/S60 bezahlt haben, bestimmungsgemäß eingesetzt, wenn diese S-Bahnstrecke auch für Güterverkehr genutzt wird? Oder hat sich die Bahn finanziell an der Strecke beteiligt?
  2. Ist es legal (rechtmäßig), dass mit Gefahrstoffen beladene Güterzüge mit hoher Geschwindigkeit auf S-Bahnstrecken durch Wohngebiete fahren?
  3. Hält die Landesregierung es für legitim (richtig), dass mit Gefahrstoffen beladene Güterzüge mit hoher Geschwindigkeit auf S-Bahnstrecken durch Wohngebiete fahren?
  4. Wer ist verantwortlich für die Erstellung der lokalen Notfallpläne für Bahnunfälle mit Gefahrgut, werden diese regelmäßig von unabhängiger Stelle auditiert und wo können wir Bürger diese Pläne einsehen?
  5. Das Unglück von Lac Mégantic forderte rund 50 Menschenleben und sollte Anlass sein die Notfallpläne auch hier bei uns in Baden-Württemberg zu überprüfen: Welche konkreten Konsequenzen zieht die Landesregierung zum Schutz der Bevölkerung?
Über das Thema Gefahrgutzüge in Wohngebieten berichtete das Magazin WISO im ZDF am 25.11.2013:



Hier geben wir die Antworten unseres Ministers vom 18.11.2013 wörtlich wieder und wer möchte, kann diese selbst nachlesen. Wir merken an:

  1. Der Minister verweist bei der Frage, ob die öffentlichen Mittel für den Personennahverkehr bestimmungsgemäß eingesetzt wurden, auf das Eisenbahnbundesamt. Er sei selbst nicht zuständig. Er bestätigt uns allerdings nicht, dass die Mittel gemäß unserer Frage bestimmungsgemäß eingesetzt wurden.
  2. Der Minister verweist auch bei der Frage, ob mit Gefahrgütern beladene Güterzüge mit hoher Geschwindigkeit durch Wohngebiete fahren dürfen, auf das Eisenbahnbundesamt und auf die Bahn. Er zitiert uns aber immerhin die Eisenbahn Bau- und Betriebsordnung, wonach für Güterzüge mit durchgehender Bremse eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h zulässig sei, auch in Wohngebieten. Dies gilt insbesondere für die Strecke S6 Stuttgart - Weil der Stadt. Die Strecke S60 Böblingen - Renningen sei von der Bahn auf Höchstgeschwindigkeit 100 km/h ausgelegt und begrenzt. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Gefahrgutzüge in Wohngebieten ist nicht vorgesehen.
  3. Der Minister schweigt darüber, ob die Landesregierung es für richtig hält, dass mit Gefahrstoffen beladene Güterzüge mit hohen Geschwindigkeiten auf S-Bahnstrecken durch Wohngebiete rollen. Normalerweise äußern Politiker gerne mal eine Meinung, oft sogar ungefragt. Wir wundern uns deshalb über den schweigsamen Minister ohne Meinung. 
  4. Der Minister gibt dafür aber eine längere Antwort auf die Frage, wer für die Notfallplanung verantwortlich sei. Sein Konvolut erwähnt eine erstaunliche Anzahl von Vorschriften, die sich in allgemeinen Beschreibungen ergehen, wie beispielsweise "Im Katatstrophenfall übernimmt die jeweilige Gebietskörperschaft die Einsatzleitung und handelt operativ auf der Grundlage allgemein zugänglicher Informationen in Form von Planunterlagen". Ehrlich gesagt: für uns Anwohner klingt das nicht sehr beruhigend, denn der Unfall eines mit Gefahrgütern beladenen Güterzugs in Müllheim im Juni 2011 zeigte auf erschreckende Weise die Inkompetenz der Bahnverantwortlichen: denn die Feuerwehr musste laut Pressebericht [7] stunden­lang warten, bis endlich geklärt war, welche Chemikalien verunfallt waren. Erst danach konnten Maßnahmen ergriffen werden. Insgesamt gesehen erweckt ein solcher Vorgang wenig Vertrauen in das Risikomanagement der Deutschen Bahn, sowie der genehmigenden Behörden.
  5. Der Minister antwortet leider nicht auf unsere fünfte Frage. Wir verstehen das dann mal so: Die Landesregierung zieht keine Konsequenzen zum Schutz der Bevölkerung aus der Katastrophe von Lac Mégantic [5,6] .


Kostenkontrolle bei der Bahn

Nochmals zurück zur Frage 1, ob die Bahn sich an den Kosten für den Ausbau der S60 beteiligt hat. Der Minister schreibt: "Im übrigen hat die Deutsche Bahn AG mitgeteilt, dass sie sich mit Eigenmitteln an der Realisierung des Projektes S60 beteiligen würde. Eine genaue Quantifizierung könne jedoch erst nach vollständigem Abschluss der Maßnahme erfolgen." Hoppla!

Die S60 wurde am 08.12.2012, also vor einem Jahr, vom Verkehrsminister persönlich eröffnet. Wir berichteten darüber in diesem Artikel. Winfried Hermann fuhr damals mit dem Eröffnungszug im S-Bahnhof Renningen ein. Nebenbei bemerkt: Er kam mit der S-Bahn und nicht per Güterzug.
Aus dem Fenster des Treibwagens des Eröffnungszuges winkt Minister Winfried Hermann huldvoll dem zum Einzug der Honoratioren versammelten Volke
Minister Winfried Hermann erläutert den Bürgern zusammen mit Eckart Fricke, dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn AG für Baden-Württemberg, auf der Eröffnungsfeier der S60 die wesentlichen Details zum Projekt
Sodann standen der Minister Hermann und seine Freunde bei der Eröffnungsfeier auf dem Podium, sie lobten das Projekt und auch ein bisschen sich selbst. Und ein Jahr später soll also die Bahn immer noch nicht wissen, wieviel sie aus welchen Töpfen bezahlt hat? Haben die denn kein Controlling? Diese Art von Ignoranz stärkt unser Vertrauen in Großprojekte wie Stuttgart 21 gewiss nicht. Hat sich hier unser Minister von Bahn-Managern mit faulen Ausreden abspeisen lassen? Oder ist die Bahn tatsächlich ohne betriebswirtschaftliche Zahlen unterwegs, sozusagen "im Blindflug"?

Oder wollen Minister und Bahn uns in Wirklichkeit mitteilen, dass das Projekt noch gar nicht abgeschlossen ist? Vielleicht kommt ja noch so einiges nach? Beispielsweise könnten jetzt so langsam die Baumängel auffällig werden. Dazu passt nun dieser Leserbrief, wonach die Neubaustrecke kaum ein Jahr nach ihrer Eröffnung schon wieder reparaturbedürftig war ...

Kinder, Kinder ...

Das Foto am Anfang dieses Beitrages zeigt, wie ein Güterzug auf Gleis 1 durch den S-Bahnhof Rutesheim fährt. Der Bahnsteig ist schmal. Leonberg-Silberberg hat keine eigene Schule. Deswegen fahren hier schon ab dem Grundschulalter die Kinder mit der S-Bahn zur Schule. Die warten dann dort, wo die Güterzüge vorbeidonnern (dürfen). Aber weil Kinder eben Kinder sind stehen sie selbstverständlich nicht geduldig herum, sondern sie rennen umher, sie spielen miteinander und da wird gelegentlich auch mal gestritten oder gar geschubst ... Und da soll es vertretbar und verhältnismäßig sein, wenn hier die Güterzüge mit über 100km/h durchfahren (dürfen)? 
Leonberg-Silberberg auf Open Street Map: Die Wasserbachstrasse verläuft parallel zur S-Bahnstrecke der S6/S60 mit dem S-Bahnhof Rutesheim mittendrin.
Vielleicht hilft uns ja zur Beurteilung dieser Frage der Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln: Parallel zur S-Bahn verläuft die "Hauptstrasse von Silberberg", die Wasserbachstraße. Dort gilt für Autos eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h. Außer an der Spielstraße natürlich, die man wegen der Kinder eingerichtet hat. Dort muss der Fahrzeugverkehr Schritttempo (7-10 km/h) einhalten. Es mutet bizarr an, wenn die Autos nur 7 km/h fahren dürfen, wo für Güterzüge 120 km/h erlaubt ist. Auf dem Bahnsteig sind oft mehr Kinder unbeaufsichtigt unterwegs als in unserer Spielstraße. Wer denkt sich eigentlich solche Vorschriften aus? Wir wiederholen unsere Frage von vorhin: Hält unser Minister all dies für richtig? 
Was dieser Güterzug im S-Bahnhof Rutesheim wohl geladen haben mag?
Der Minister schreibt uns weiterhin: "Die Landesegierung hat in diesem Zusammenhang keine Möglichkeit, auf die Reduzierung der Geschwindigkeit der genannten Güterzüge hinzuwirken."  Es ist wohl wahr, dass die Landesregierung kein Tempolimit für die Deutsche Bahn AG anordnen kann. "Hinwirken" ginge aber durchaus, vorausgesetzt der Wille dazu wäre vorhanden. Ob es wohl irgendwo (möglicherweise außerhalb dieser Landesregierung?) mutige Politiker gibt, die bereit wären, die Deutsche Bahn AG einfach aufzufordern, die Geschwindigkeit von Güterzügen in S-Bahnhöfen aus Sicherheitsgründen zu begrenzen? Das wäre doch ein erster Schritt zum "Hinwirken". Für den Autoverkehr in der Wasserbachstraße war ein Tempolimit offenbar notwendig und, wie man sieht, auch umsetzbar. 


Wer steht eigentlich für Schäden gerade?

Bekanntlich zerstörten vor einem Jahr führerlose rollende Güterwaggons den Bahnsteig im Feuerbacher Bahnhof [1]. Die Stuttgarter Nachrichen berichten am 02.12.2013, dass dabei auch ein in der Nähe geparktes Auto beschädigt wurde: "11 500 Euro hat es gekostet, das demolierte Dach, die verbeulte Motorhaube, die zertrümmerte Scheibe, die Beulen an den Seiten verschwinden zu lassen und den Wagen wiederherzurichten. Die DB Netz als Inhaber der Schienenanlage will diese Summe aber nicht zahlen:"  Der Geschädigte bzw. dessen Versicherung bleiben also auf dem Schaden sitzen. Ob die Deutsche Bahn im Falle eines größeren Gefahrgut-Unfalls wohl kulanter handeln würde? Wer trägt die Verantwortung für all das, was auf den Schienen heranrollt?

Jene kanadische Bahngesellschaft, die den Unfall von Lac Mégantic, der rund 50 Menschenleben kostete, zu vertreten hat, fand eine kreative Lösung zur Schadensregulierung: sie ging einfach bankrott. Wer steht nun für die Schäden aus der größten derartigen Katastrophe in Kanada seit 1864 gerade? Wir wissen das nicht. Für Kanada ist unsere Landesregierung glücklicherweise auch nicht zuständig. Aus der Nicht-Beantwortung der Frage 5 schließen wir: die Landesregierung lernt auch nicht aus solchen Vorkommnissen. Bedauerlich.

Und wenn Sie, werte Leser, noch mehr über Güterzug-Unfälle wissen wollen, dann lesen Sie bitte weitere Zeitungsartikel im nun folgenden Anhang weiter (der lag auch unserem Brief bei). Oder Sie besuchen das Bürgerforum Magstadtwo ein lesenswerter Artikel nebst Link-Sammlung zum selben Thema steht. Unsere Nachbarn hatten auch eine lesenswerte Korrespondenz zum Thema Notfallpläne

Solange sich alle Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft irgendwie vor Haftung und Schadensregulierung drücken (dürfen), solange fahren die Güterzüge mit Gefahrgütern ungebremst durch unsere Wohngebiete. 
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Anhang: Schwere Güterzugunfälle

  • 30.11.2012: mit 200 Tonnen Stahl beladene, führerlose Güterwaggons demolieren den S-Bahnhof Stuttgart-Feuer­bach [1].
  • 04.05.2013: bei Gent entgleist ein mit giftigem Acrylnitril beladener Zug [2], was zwei Menschenleben fordert.
  • 11.06.2013: ein verunglückter Güterzug im Bahnhof Emmerich setzt hochbrennbares Styrol frei [3].
  • 02.07.2013: drei mit 50 Tonnen des explosiven Gases Propylen beladene Waggons ent­gleisen am S-Bahnhof Düsseldorf-Derendorf [4].
  • 06.07.2013: ein mit Rohöl beladener Güter­zug rast führerlos in die kanadische Kleinstadt Lac-Mégantic: nach einem sogar aus dem Weltraum deutlich sichtbaren Großbrand sind 30 Gebäude zerstört und es werden 47 Men­schen ver­mißt [5,6].
  • 20.05.2011: ein mit Chemikalien beladener Güterzug verunglückt auf der Rheintalbahn bei Müllheim (siehe auch weiter oben).
Quellen / Hyperlinks:
[1] Spiegel-Online: „Stuttgart: Güterwaggons krachen in S-Bahn Haltestelle“, 30.11.2012.
[2] Stern: "Giftige Chemikalien explodiert: Zugunglück in Belgien fordert zwei Menschenleben", 04.05.2013.
[3] WAZ: „Chemie-Unfall am Bahnhof Emmerich – Zugverkehr stand still“, 11.06.2013.
[4] Westdeutsche Zeitung: „Güterzug-Unfall in Derendorf“, 14.07.2013.
[5] Spiegel-Online: „Satellitenbild der Woche: Kleinstadt in Flammen“, 12.07.2013.
[6] Focus-Online: „Kleinstadt gleicht nach Zugexplosion einem Kriegsgebiet“, 08.07.2013.
[7] Badische Zeitung: „Der Zugunfall ist noch lange nicht bewältigt“, 28.05.2011.



Freitag, 29. November 2013

Will uns die Bahn für dumm verkaufen?


Die Leonberger Kreiszeitung veröffentlichte am 23.11.2013 einen Leserbrief des Sprechers der AGVL zum Artikel „Die letzten Gleise für die neue Trasse kommen“ vom 16.11.2013.

"In dem Artikel berichtet die LKZ über die derzeit laufenden Arbeiten zur Erneuerung der Gleise der erst vor einem Jahr in Betrieb genommenen S 60. Darin wird berichtet, dass die Bahn diese neuerlichen Arbeiten deswegen durchführen müsse, weil es aufgrund des Zeitdrucks vor der Eröffnung der S 60 nur möglich war, den neuen Schienenstrang zu verlegen. Die alten Schienen blieben daher liegen und diese würden nun nachträglich erneuert. Es seien ganz normale Instandhaltungsarbeiten‘.

Diese Aussage kann wohl offensichtlich nicht stimmen. Denn in der fast einjährigen Bauphase im letzten Jahr konnte jedermann sehen, dass auch das alte Gleis einschließlich des Gleisbetts ertüchtigt wurde – gerade auch an den Stellen, wo die aktuellen Arbeiten stattgefunden haben. Die gesamte Strecke war damals fast ein Jahr lang gesperrt. Es fuhren keine Güterzüge. Die Ertüchtigung des alten Gleises war ohnehin wegen der Güterzüge dringend notwendig, da diese wegen des schlechten Zustands teilweise sehr langsam fahren mussten. Seit der Eröffnung der S 60 fahren sie nun erheblich schneller, was bei einigen Anliegern wg. der zusätzlichen Lärmbelastung und Erschütterungen trotz der Lärmschutzmaßnahmen zu einem bösen Erwachen geführt hat. Außerdem betrafen die nun stattgefundenen Arbeiten nur relativ kurze Teilstücke der Strecke. Lt. Ausschreibung waren es insgesamt nur ca. 1800 m.

Daher liegt der Verdacht nahe, dass es eben nicht normale Instandhaltungsarbeiten waren, sondern dass die neu gebaute bzw. ertüchtigte Strecke, aus welchen Gründen auch immer, nachgebessert werden musste. 

Dies hat für die Bürger nicht nur den Nachteil, dass die S-Bahn-Nutzer wieder einmal Betriebseinschränkungen erleiden mussten, sondern es stellen sich auch Fragen zur Finanzierung des S60-Projekts. Es wird bekanntlich aus kommunalen Töpfen bezahlt. Die Strecke wird aber nicht nur von der S- Bahn sondern auch von Güterzügen stark befahren. Die erfolgte Gesamterneuerung kommt also auch dem Güterverkehr zu Gute, dessen Finanzierung jedoch alleine dem Bund obliegt. Nicht zuletzt sind erhebliche Ausgaben nur wegen der besonderen Anforderungen des Güterverkehrs überhaupt notwendig geworden und haben mit dazu geführt, dass das Budget regelrecht gesprengt wurde. Ich hoffe nicht, dass wir als Anlieger nicht auch noch die deutliche Kapazitätserhöhung und Ertüchtigung der Güterzugtrasse über die Kommunalumlage mitfinanzieren müssen und somit doppelt bestraft wären, denn der Lärm und die Erschütterungen der Güterzüge belasten die Anlieger bereits erheblich – nicht nur entlang der S 60-Strecke sondern noch stärker auf der Güterzugtrecke zwischen Korntal und Renningen, bei der es keinerlei Lärmschutzmaßnahmen gibt. 

Es ist dringend notwendig, dass der Regionalverband die Abrechnung des S 60- Projekts offen legt. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser, denn die Bahn AG wurde bereits bei dem Versuch erwischt, projektfremde Kosten über das S 60- Budget abrechnen zu wollen."

[Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors]

Das Bürgerforum Magstadt berichtet und hat Bilder von der Baustelle.

Donnerstag, 14. November 2013

Die Luft ist rein

sagt man, wenn man meint, dass gerade keine Gefahr besteht. Wenn die Luft rein ist, dann genießt man einen freien Blick. Oft genug fehlt aber der Weitblick, weil die Luft voller Smog ist.


Smog vernebelt die Fernsicht


Am 15.10.2013 veröffentlichte die Europäische Umweltbehörde (EEA - European Environment Agency) ihren Luftqualitätsbericht für Europa. Die Tageszeitung brachte am selben Tag einen Artikel mit dem Titel "Krank durch dicke Luft". Die meisten Mitbürger sind nämlich Belastungen ausgesetzt, die von der Weltgesundheitsorganisation als gesundheitsschädlich eingestuft werden. Der volkswirtschaftliche Schaden, den die Luftverschmutzung in Europa verursacht, wird auf bis zu 790 Milliarden Euro geschätzt. Derartig riesige Zahlen kennt man sonst eher aus der Astronomie oder wenn unsere Regierung gerade mal wieder systemrelevante Banken oder Staaten retten muss.  Ebenfalls am 15.10.2013 schrieb das Deutsche Ärzteblatt "Europäische Großstadtluft stört intrauterines Wachstum". Es wurde nämlich wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Luftverschmutzung nicht nur bei Erwachsenen Atemwegs- und Herz-/Kreislauferkrankungen hervorruft, sondern auch schon während der Schwangerschaft das Wachstum von Kindern stört und zu einem geringeren Geburtsgewicht und einem kleineren Kopfumfang führt; letzterer gilt als Hinweis auf Entwicklungsstörungen des Gehirns. Dümmer durch dicke Luft? Luftverschmutzung ist in vieler Hinsicht schädlich - medizinisch und volkswirtschaftlich.

Treffen diese Schäden hauptsächlich nur Stadtbewohner, von denen in den zitierten Zeitungsartikeln die Rede ist, und Mitbürger, die in der Nähe großer Industrieanlagen wohnen? Nein, auch das Umland ist betroffen, weil der Wind die Luftschadstoffe großflächig verteilt. Betrachten wir als Beispiel Stickstoffdioxid (NO2): Das Rheinische Institut für Umweltforschung (RIU) an der Universität zu Köln erstellt Schadstoffprognosen für Stickstoffdioxid (und etliche weitere Luftschadstoffe) und verarbeitet diese zusammen mit den meteorologischen Daten für Wind und Wetter zu farbenprächtigen Karten. Hier die Verteilung von NO2 vom 31. Oktober 2013 über Zentraleuropa:



Man erkennt wichtige Städte als Emissionsherde, wie London, Barcelona, Mailand und Paris. Aus diesen Verkehrsknotenpunkten und Industriezentren verbläst der Wind die Schadstoffe als breite Fahnen quer übers Land. Man erkennt deutlich einige Hauptverkehrswege, wie die auf Marseille sternförmig zulaufenden Schifffahrtsrouten und die Wasserstraße durch den Ärmelkanal und die Nordsee nach Skandinavien. Man kann sogar einzelne Autobahnen im Bild "erahnen", beispielsweise die A5 von Basel über Karlsruhe nach Frankfurt oder die A8 von Karlsruhe über Stuttgart nach München. Man erkennt jedenfalls: Unsere Gegend ist tiefdunkelrot, also großflächig belastet.

Und was gibt es sonst noch Neues? 


Am 07.-09.10.2013 fand im Leo-Center die Ehrenamtsmesse statt, wo Vereine und Initiativen ihre Ziele und Tätigkeiten der Öffentlichkeit vorstellten. So auch die Arbeitsgemeinschaft Verkehrslärm Region Leonberg (AGVL). Die ausführliche Präsentation über unsere lokalen Verkehrsthemen ist sehr lesenswert.



Am 08.10.2013 berichten die Stuttgarter Nachrichten "Kampf gegen Bahnlärm auf Zielgerade". Laut Urteil der Projektleiterin der Deutschen Bahn für die Lärmsanierung in Baden-Württemberg, Sabine Weiler, gilt für unsere Gegend hier: "Wir haben hier keine hohe Belastung". Statt die Modernisierung von Schienenwegen und uralten Güterzugwaggons zu forcieren spendet Sie lieber Kanzleitrost: andeswo in Deutschland fahren noch mehr Güterzüge durch Wohngebiete und es lärmt noch lauter. Man muss konstatieren: Der Bahn fehlt anscheinend der Wille zur Veränderung, denn ein Hochtechnologie-Konzern wie Daimler führt es doch jeden Tag auf der Strecke der S6/S60 vor, dass moderne Güterzüge leise fahren können. Den Politikern, die Lärmschutz-Maßnahmen erzwingen könnten, geben wir gerne folgendes Zitat von Karl Valentin mit auf den Weg: "mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut".


Am 21.11.2013 findet in Boppard ein Internationales Symposium über Bahnlärm mit einem hochkarätigem Programm statt, Dort berichten Firmen und Wissenschaftler darüber, was heutzutage technisch leicht umsetzbar ist.


Apropos Bahn: Die Strecke der S60 zwischen Renningen und Böblingen wurde ja vor etwa einem Jahr mit jahrelanger Verzögerung eröffnet. Die Bahn gibt hier bekannt, dass an den Wochenenden vom 9./10. und 16./17.11.2013 die S60 wegen Gleisbauarbeiten nicht verkehrt. Die Bahn informiert aber nicht über den Grund für die Reparaturarbeiten an der neuen Strecke und auch in der Lokalpresse ist darüber nichts zu lesen. Merkwürdig, oder? Dafür diskutiert ein Eisenbahnerforum über die technischen Ursachen: es heißt dort, es gäbe Schlammstellen, die die Gleisanlage ruinieren und auf Mängel im Oberbau der neuen Strecke hindeuten. Bahnstrecken werden schon seit langer Zeit gebaut. Da sollte man wissen, wie das geht. Massiver Terminverzug, Kostenexplosion und dann noch Qualitätsprobleme? Nur zur Erinnerung: das ist der gleiche Konzern, der jenen unterirdischen Bahnhof verwirklichen will ...


Am 19.10.2013 schrieb die Leonberger Kreiszeitung "Bürgerinitiativen warnen vor Ersatzautobahn". Es geht erneut um den Lückenschluß zwischen B295 zur B464 zwischen Leonberg und Böblingen. Statt heute 27.000 Fahrzeugen pro Tag auf der B295 werden zukünftig bis zu 50.000 erwartet. Zum Vergleich: Auf der sechsspurig ausgebauten A8 zwischen Leonberg und Heimsheim rollen täglich rund 80.000 Fahrzeuge. Dort gibt es bei Rutesheim 12 m hohe Lärmschutzwälle, aber dennoch Beschwerden von Anwohnern über den Lärm. Aber Diskussionen über die Auswirkungen der Ezacher "Lärmtrompete" werden vermieden - nicht nur vom Stuttgarter Regierungspräsidium. Schließlich läuft derzeit auch noch die Versteigerung der Bauplätze Ezach 3 ... 

Die Leonberger Kreiszeitung vom 23.10.2013 gibt uns einen Vorgeschmack, was auf verkehrsreichen Strecken passiert, und berichtet im Artikel "Sechs Veletzte auf der A8" über Unfälle im dichten Verkehr am Leonberger Dreieck.

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PS: wie immer herzlichen Dank an die Hinweisgeber auf Fakten und Veröffentlichungen, die wir hier verlinken ...

Freitag, 18. Oktober 2013

Schwäbische Schlaglöcher

Die Abkürzung "OPA" steht bekanntlich für offenporigen Asphalt, häufig auch als "Flüsterasphalt" bezeichnet. Flüsterasphalt mindert, zumindest so lange er neu ist, den Straßenlärm um etwa 7 dB(A). Eine solche Pegelminderung bedeutet, dass man nur den Lärm von 20 Autos hört, wenn 100 Autos vorbeifahren. So erfreulich das zunächst klingen mag, Flüsterasphalt hat schwere Nachteile: Die offenen Poren schlucken nicht nur den Schall, sondern mit der Zeit auch Schmutz und Abrieb. Deswegen sollte die poröse Fahrbahndecke eigentlich regelmäßig mit einem speziellen Spül-/Saugwagen gewaschen werden, wofür aber oft das Geld fehlt. Sind die Hohlräume verstopft, dann ist auch die schallschluckende Wirkung weg. Zudem wird das Material mit der Zeit brüchig und zerbröselt: das passiert manchmal früher, manchmal später, je nach Qualität von Baustoffen und Verarbeitung. Flüsterasphalt hält angeblich rund 8-10 Jahre, also nur halb so lange wie eine konventionelle Fahrbahndecke und der Preis ist um ein Drittel höher (13 statt 10 €/m²). 

Cui bono? Flüsterasphalt belastet die Steuerzahler aufgrund seiner höheren Kosten bei kürzerer Lebensdauer. Und die vom Lärm geplagten Anwohner werden nur kurzzeitig entlastet, weil der Lärmschutz alsbald wieder nachlässt. Aber: 

Für Straßenbaufirmen ist Flüsterasphalt ein prima Geschäft.

Die WAZ schrieb am 26.06.2013 "Der neue Flüsterasphalt bröselt schon im großen Stil". Eigentlich geht es in diesem Artikel um den Reparaturbedarf von Straßen in Nordrhein-Westfalen. Aber dort steht auch: "Die Autobahn A8 bei Stuttgart ist nach vier Jahren so ramponiert, dass sie aufgerissen und mit herkömmlichem Belag repariert werden muss". Unsere schwäbischen Schlaglöcher sind also schon bundesweit bekannt!

"Gut Ding will Weile haben" oder eher "just in time"?

Fassen wir die Vorgänge um die Schlaglöcher noch einmal rückblickend zusammen:
  • 2008 wird das Teilstück der Autobahn A8 zwischen Leonberg und Heimsheim neu eröffnet
  • 2011 berichten die Stuttgarter Nachrichten erstmals über Qualitätsmängel: "So traten beim Ausbau der A8 zwischen Leonberg und Heimsheim schon nach kurzer Zeit Risse und offene Mittelnähte auf." Der Flüsterasphalt ist 2011 eigentlich noch weit von seiner Haltbarkeitsgrenze von 8-10 Jahren entfernt.
  • 2013 berichten die Stuttgarter Nachrichten erneut, denn es wird immer schlimmer: „Die Straßenschäden sollen nun in den kommenden Wochen provisorisch geflickt werden. „Zwischen Mai und Juni werden die Löcher dort mit herkömmlichem Asphalt aufgefüllt“, sagt Clemens Homoth-Kuhs“. Die endgültige Sanierung sei für 2014 vorgesehen. Außerdem heißt es „Der Asphalt wurde falsch verlegt. Deshalb ist das ein Garantiefall. Wir sind bereits mit der zuständigen Baufirma in Kontakt“, sagt der RP-Sprecher.“ 
Selbstverständlich müssen Qualitätsmängel auf Garantie beseitigt werden. Ein jeder Bürger veranlasst solche Nachbesserungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt, nämlich sobald ein Mangel erkennbar geworden ist. Für Behörden scheint eine solche Logik nicht zu gelten.
  • Wie gründlich war die 2008 von den Behörden durchgeführte Abnahme?
  • Warum behandeln die verantwortlichen Behörden diese Qualitätsmängel anscheinend erst 2013, also Jahre nach dem ersten einschlägigen Zeitungsartikel 2011?
  • Warum soll zweimal hintereinander repariert werden, statt in einem Arbeitsgang gründlich zu sanieren? Qualitätsmängel sind keine Schande, sie kommen auch bei guten Firmen gelegentlich vor. Gute Firmen beseitigen solche Probleme schnell und gründlich. Darüber freut sich jeder Kunde, der gute Ruf der betroffenen Firma bleibt gewahrt und eine gründliche Sanierung kommt in der Regel billiger als mehrere halbseidene Teilreparaturen in Folge.
  • Warum eigentlich dauert es 6 Jahre, nämlich von 2008 bis 2014, bis Qualitätsmängel auf Garantie beseitigt sind?
Seit den letzten Zeitungsartikeln (und übrigens auch unserem Blog-Beitrag vom 13.04.2013) ist ein halbes Jahr verstrichen. Deshalb wollen wir jetzt die vom Regierungspräsidium für "zwischen Mai und Juni" angekündigten Reparaturen besichtigen. 

Der Faktencheck

Beginnen wir mit einem Foto von der Fahrbahn der A8 nahe der Eisengrifftalbrücke bei Rutesheim, das die Stuttgarter Nachrichten am 24.04.2013 auf Facebook stellte. So sah der Schaden im April 2013 aus - vor der Reparatur.
Auf einem Foto desselben Ortes vom 17.08.2013 ist von der für die Zeit "zwischen Mai und Juni" angekündigten Reparatur wenig zu erkennen, bloß das Wetter ist im August besser.
Wenn man denselben Ort auf Google Maps (hierbesucht, anstelle der üblichen Straßenkarte das Satellitenbild einschaltet und dann das Bild kräftig heranzoomt, dann erkennt man den gezeigten Fahrbahnschaden sogar aus dem Weltall deutlich (beim grünen Pfeil).
Eigentlich ist das doch unglaublich: Baden-Württemberg ist eine der wohlhabendsten Regionen weltweit. Baden-Württemberg ist das Ursprungsland des Automobils. Und Baden-Württemberg bzw. das verantwortliche Regierungspräsidium Stuttgart geniert sich nicht, Straßenschäden jahrelang unrepariert zu lassen. Das Versagen der Behörde ist schon aus dem Weltall sichtbar. Das Unverständlichste ist aber: eine Reparatur jener Schäden kostet noch nicht einmal Steuergelder, weil es sich ja um von den Baufirmen seit Jahren zu behebende Garantiefälle handelt. Wo sitzen (oder schnarchen?) die dafür Verantwortlichen?... (Zum Vergleich: In der Automobilbranche, welche in Baden-Württemberg durchaus prominent vertreten ist, betreiben sämtliche Hersteller und Zulieferer intensive Qualitätssicherung. Die dafür zuständigen Stellen berichten an den Vorstand. Dort gilt: Qualität ist Chefsache.)

Der Flüsterasphalt hat ausgeflüstert

Nahe beim Wohngebiet Leonberg-Silberberg ist die Fahrbahnoberfläche der A8 durch sogenannte "Kornausbrüche" großflächig stark aufgerauht. Unförmige "Plomben", mit denen einzelne Schlaglöcher ausgestopft wurden, verursachen starke Unebenheiten. Selbstverständlich erzeugt eine solche Rüttelstrecke erhebliche zusätzliche Geräusche beim Überfahren. 
Unser Foto stammt vom 17.08.2013, datiert also nach der angeblichen Reparatur "zwischen Mai und Juni" und zeigt beides, flächige Kornausbrüche und plombierte Schlaglöcher. Auf Nachfrage antwortet uns das Regierungspräsidium am 06.09.2013:


"Im Herbst ist geplant, die Schäden an der rechten Fahrspur der A 8 Richtung München westlich von Leonberg zu beseitigen, Auf eine Länge von ca. 600 m wird die angegriffene OPA Deckschicht ausgebaut und wiederum durch einen OPA Belag ersetzt. In dem Zuge werden die zum Ablauf der Gewährleistung des Belags im Jahr 2012 aufgetretenen geringeren kleinflächigen und partiellen Schäden mit beseitigt. Die Kosten dafür werden vom damaligen Auftragnehmer abgegolten. Seit der Abnahme im Jahr 2012 sind durch Unfälle und Verschleiß weitere Schäden an dem genannten Abschnitt eingetreten, z.B Felgenschäden. Die Kosten für die Ausbesserung der nach Ablauf der Gewährleistung aufgetretenen Schäden trägt der Bund. Die von Ihnen mit Bild dargestellten Schadstellen kleinerer Natur wurden und werden in Abhängigkeit der Schadensfläche und -tiefe durch Sofortreparaturen ausgebessert, dabei bestimmen Fläche und die Schadenstiefe die Art der Schadensbeseitigung. Verkehrsgefährdende Vertiefungen werden umgehend mit einem schnell erhärtenden Reparaturasphalt aufgefüllt."

Soso... Die Abnahme dieser 2008 eröffneten Autobahnstrecke fand also 2012 statt. Wirklich so schnell? Und jetzt ist geplant "im Herbst" zu reparieren. Im Herbst welchen Jahres bitte? Heute, Mitte Oktober, sehen die Schäden jedenfalls noch genauso aus wie im August und im April. Wird jetzt noch kurz vor den ersten Nachtfrösten repariert? Weitere ernst zu nehmende Fragen bleiben offen, beispielsweise:
  • Warum bringt man erneut Flüsterasphalt aus, einen Belag, der teuer ist und der sich nicht bewährt? 
  • Eine Nachrechnung des Regierungspräsidiums ergab 2010, dass der Lärmgrenzwert an Wohngebäuden in Leonberg-Silberberg verletzt wird. Die heutigen Fahrbahnschäden können in dieser Berechnung nicht enthalten sein, weil diese ja bis zum Frühjahr 2013 einfach ignoriert wurden. Ein neu ausgebrachter Flüsterasphalt würde nun allenfalls den Anfangszustand von 2008 wieder herstellen, der aber rechnerisch immer noch den Lärmgrenzwert verletzt. Warum sanieren die Behörden nicht nachhaltig, indem sie wirksame Maßnahmen ergreifen, die zur Einhaltung des gesetzlichen Grenzwertes führen?
  • Und wie genau darf man sich die angekündigte Aufteilung der Reparaturkosten vorstellen? Wer bestimmt eigentlich, was Garantiefall ist und was Verschleiß? Womöglich die Experten der ausführenden Baufirma? Ein Schuft, der Böses dabei denkt...
Am 17.10.2013 legte übrigens der Bund der Steuerzahler sein Schwarzbuch 2013 über die öffentliche Verschwendung vor. Dort steht in der Liste der beobachteten Probleme bei Projektsteuerung und -umsetzung durch Behörden u.a.: "Eine Früherkennung möglicher Termin-, Kosten- und Qualitätsstandardkollisionen wird unterlassen" und ferner "Es wird keine Erfolgskontrolle der Ziele (Soll-Ist-Vergleiche) durchgeführt", sowie "Zielkonflikte (z.B. Lärmschutz- und Brandschutzmaßnahmen) werden nicht erkannt"

OPA hat jetzt sogar einen eigenen Blog

In Opa's Blog steht: “Opa” verursacht derzeit bundesweit ziemliche Probleme, und kostspielige dazu. An erster Stelle leiden die Straßenbauer. Aber auch die Politiker machen sich berechtigte Sorgen. Denn “Opa” reißt riesengroße Löcher, erst in die Straßen, dann in die Staatsfinanzen. Immerhin liegt "Opa" auf rund 400 km Autobahn herum und bröselt."  Am Ende bringt Opa's Blog die Angelegenheit wirklich auf den Punkt:  "Was soll ich sagen? Ein richtiger Opa ist dann doch sehr viel widerstandsfähiger, ein ganzer Kerl eben, kostet deutlich weniger und lebt länger." Ganze Kerle hätten wir auch gerne bei den Behörden ... 

Sonntag, 29. September 2013

Presseschau im Herbst

Die Wahl ist entschieden und was die Parteien nun mit dem Ergebnis machen, wird sich hoffentlich bald zeigen. Jetzt beginnt jedenfalls die Zeit der morgendlichen Herbstnebel ...



... und hier kommt die aktuelle Presseschau:
  • Wenn das Geld ausgeht, dann heißt es gerne beschönigend: "Die Finanzierung ist nicht gesichert". Genauso steht das in einem Beitrag der Sindelfinger Zeitung vom 23.08.2013 mit dem Titel: "Lückenschluß steht in den Sternen". Dabei geht es um den Knoten zwischen B 464 und B 295. 
  • Abgesehen von den Finanzierungsproblemen berichtet die Zeitung erneut, dass Baumaßnahmen begonnen wurden, aber "im Vorgriff auf eine noch nicht vorhandene Baugenehmigung". So etwas könnte als Schwarzbau bezeichnet werden. Also, es mangelt an Geld und Genehmigung - man darf gespannt sein, welche weiteren Kapriolen noch nachkommen ...
  • Am 18.09.2013, steht in der Leonberger Kreiszeitung "Verkehrsminister beanstandet Lückenschluss". Dort heißt es: "Wie der Ausbau derzeit realisiert wird, entspricht anscheinend nicht den Plänen, die mit dem Ministerium abgesprochen waren."  Waren da einzelne Behördenmitarbeiter kreativ? 
  • Zwei Tage später, am 20.09.2013 schreibt die Leonberger Kreiszeitung, dass der Böblinger Landrat Roland Bernhard jetzt sauer auf den Minister sei. Es leuchtet nicht ein, dass man sich geschlagene 10 Jahre Zeit für eine Planung nimmt, und dann ist sie nicht abgestimmt.
  • Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden: Umweltverbände können Luftreinhalteplan einklagen. Diese Mitteilung vom 05.09.2013 betrifft uns in Leonberg, Böblingen und Rutesheim unmittelbar. Wir wohnen nämlich dort, wo die Grenzwerte verletzt sind, wo die vorhandenen Luftreinhaltepläne nicht zur Grenzwerteinhaltung führen und wo die Emissionsdichte z.B. von Stickoxiden am höchsten ist.
Quelle: AGVL 
  • Dazu passt thematisch jener Artikel im Focus vom 09.07.2012 über eine Verkürzung der Lebenserwartung von Menschen, die dem Smog ausgesetzt sind. Laut Forschern erleidet China dadurch einen "schockierenden Verlust" von 2.5 Milliarden Lebensjahren!
  • Am 06.07.2013 berichteten die Stuttgarter Nachrichten "Auf der A8 - Autobahnblitzer: täglich 1500 Sünder erwischt". Aufgrund von Personalmangel schaffen es die Behörden aber nicht die Bußgeldbescheide an die Verkehrssünder zu verschicken. Also, damit konnte nun wirklich niemand rechnen, dass jetzt Raser in die Radarfallen gehen. 
  • Übrigens: Rein rechnerisch kommen hier 45.000 Euro pro Tag bzw. 16 Mio Euro pro Jahr an Bußgeldern zusammen. Da sind die Blitzer schnell amortisiert und danach kann man mit diesem zusätzlichen Geld gute Werke tun: Wie wäre es beispielsweise mit Lärmschutzmaßnahmen für Anwohner? Laut Südwest Presse vom 24.09.2013 erreichte übrigens ein amerikanischer Tourist in einem gemieteten Porsche die Spitzengeschwindigkeit von 220 km/h (wahrscheinlich nicht ganz geräuschlos).
  • Das Umweltbundesamt lädt uns Bürger ein an einer Lärmumfrage teilzunehmen. Bitte mitmachen, falls Sie betroffen sind!
  • Mit Brief vom 20.06.2013 an das Bundesverkehrsministerium kündigt der Bürgermeister von Korntal, Dr. Joachim Wolf, an, in Vorleistung zugehen und einen Lärmaktionsplan zu erstellen. Dort ist bekanntlich u.a. der Bahnlärm im Fokus. Dr. Wolf schreibt: "Mit unserer Vorleistung und den in absehbarer Zeit vorliegenden, sicher guten und praktikablen Ideen unserer Einwohner, unterstützen wir Sie sehr gerne, damit Sie auch Ihrem selbst gesteckten Ziel, der bundesweiten Halbierung des Schienenlärms bis 2020, und wir einem ausgewogenen und angemessenen Lärmschutz vor Ort näher kommen." Diese Initiative wollen wir ausdrücklich loben. Es wäre schön, wenn weitere Kommunen unserer Region diesem Beispiel folgen und aktiv werden.
  • Die Bürgerinitiative Pro Rheintal kämpft gegen Bahnlärm. Vor der Wahl haben die Kollegen die Wahlversprechen der Parteien zu diesem Thema zusammengestellt. Eine vergleichsweise hohe Übereinstimmung bei diesem Thema haben offenbar CDU und Linkspartei. Ergeben sich da neue und unerwartete Koalitionsoptionen?
  • Es gibt wirksamere Lärmschutzwände als diejenigen, die rund ums Leonberger Dreieck stehen. Wir entnehmen dies einer Präsentation aus dem Regierungspräsidium. Die folgenden Bilder zeigen, wie mit gekrümmten Lärmschutzwänden eine Art "halbe Einhausung" ungesetzt wird und wie man auf gerade Lärmschutzwände gekrümmte Aufsätze montiert. In einer schon drei Jahre alten Präsentation unserer Nachbar-Bürgerinitiative Leise A81 sieht man ganz ähnliche Bilder.




... und hier noch das Feuilleton ...

Die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtet am 16.09.2013, dass eine offenbar leidenschaftliche Diskussion zweier Russen über den großen deutschen Philosophen Immanuel Kant mit einem Kopfschuss endete.

Wahrscheinlich um ähnlich unannehmbare Ereignisse zu vermeiden, schreibt Howard Schultz, der Chef der Café-Kette Starbucks, am 17.09.2013 einen offenen Brief: Er verlangt von seinen geschätzten Kunden, in Starbucks-Filialen auf das Tragen von Feuerwaffen zu verzichten. Dabei sieht doch die Filiale im Leo-Center ganz harmlos aus.
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So wie immer: herzlichen Dank an die Tippgeber und Zusender von Hyperlinks.
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Nachtrag: Die Stuttgarter Nachrichten schreiben am 01.10.2013 "Schulterschluss beim Lückenschluß" einen weiteren Artikel über die aktuelle Diskussion unter den Politikern. Erwähnt wird dort die Forderung der AGVL die Bürger auch mal zu beteiligen. Wir verweisen jedenfalls auf die fachlich interessanten Unterlagen auf der Seite der AGVL.

Freitag, 20. September 2013

Wer die Wahl hat, ...

... hat die Qual - so lautet eine alte Redensart. Übermorgen, am 22.09.2013, findet die Wahl zum 18. Deutschen Bundestag statt, zu der 34 Parteien angetreten sind. Für den Wahlkreis Böblingen kandidieren neun Herren direkt (nebenbei bemerkt: da sind befremdlich wenige Damen dabei, oder?), nämlich
  • Clemens Binninger, MdB (CDU)
  • Dr. Florian Toncar, MdB (FDP)
  • Dr. Joachim Rücker (SPD)
  • Sven Reisch (Grüne)
  • Peter Pitterle (Die Linke)
  • Hagen Stanek (Piratenpartei)
  • Peter Bäuerle (MLPD)
  • Hasso Kraus (Freie Wähler)
  • Bernd Gelder (NPD)
Der Bürgerverein Leonberg-Silberberg e.V. hat nun mit gleichlautenden Briefen die ersten 8 dieser Kandidaten angeschrieben. Wir möchten wissen: Kann man einem Kandidaten für den Bundestag schwierige Fragen stellen, erhält man darauf zügig Antwort und, falls ja, wie detailliert und sachkundig fällt diese aus? 

Hier unsere Fragen:

"Die S-Bahnstrecke S6/S60 wurde am 08.12.2012 neu eröffnet. Der Ausbau der Rankbachbahn wurde aus öffentlichen Mitteln für den Nahverkehr bezahlt. Die Strecke quert viele Wohnviertel, darunter auch unseren Ortsteil Leonberg-Silberberg. Neben der S-Bahn nutzen viele Güterzüge die neue Strecke (nebenbei gesagt: dies deutet auf eine versteckte Subvention der Gemeinden für die Bahn hin). In der Anlage führen wir exemplarisch einige schwere Güterzug-Unfälle an. Fragen:

  1. Halten Sie es für legal (rechtmäßig), dass mit Gefahrstoffen beladene Güterzüge mit hoher Geschwindigkeit auf S-Bahnstrecken durch Wohngebiete fahren?
  2. Halten Sie es für legitim (richtig), dass mit Gefahrstoffen beladene Güterzüge mit hoher Geschwindigkeit auf S-Bahnstrecken durch Wohngebiete fahren?
  3. Kennen Sie unsere lokalen Notfallpläne für Bahnunfälle mit Gefahrgut, wurden diese unabhängig auditiert und können auch wir Bürger diese einsehen?
  4. Was beabsichtigen Sie im Falle Ihrer Wahl konkret zu unternehmen zum Schutz der Bevölkerung vor Unfällen wie in Lac Mégantic"

In der erwähnten Anlage findet sich eine Liste schlimmer Unfälle (siehe dazu auch den nicht-politischen "Anhang" am Ende dieses Beitrags)


Und hier die Antworten der Kandidaten:

Nicht alle Kandidaten haben sich bisher geäußert. Wir veröffentlichen jedenfalls jetzt die eingegangenen Antworten und fassen sie mit unseren eigenen Worten zusammen:

  • Clemens Binninger von der CDU, bittet noch um etwas Geduld, kündigt aber noch eine inhaltliche Antwort an. [Nachtrag vom 26.09.2013: hier die Antwort]
  • Peter Bäuerle von der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) bezieht ausführlich Stellung und empfiehlt die Lektüre der Zeitschrift "Die rote Fahne".
  • Sven Reisch von den Grünen setzt auf den weiteren Ausbau des Schienenverkehrs, kennt die hiesigen Notfallpläne ebenso wenig wie wir, möchte aber weitere Informationen mithilfe der baden-württembergischen Landesregierung einholen. 
  • Dr. Florian Toncar von der FDP geht unsere Fragen recht direkt an und er gibt konkrete Hinweise einschließlich der zuständigen Stellen (Eisenbahnbundesamt).
  • Hagen Stanek von der Piratenpartei findet, dass die Thematik der Güterzüge immer auffälliger zu werden scheint, und er sucht ein Gespräch.
Als erstes, danken wir denjenigen Kandidaten, die mitgemacht haben, ganz herzlich. Wir wissen, dass Sie im Endspurt des Wahlkampfes stecken, dass infolgedessen Ihr Terminkalender übervoll ist und dass eine inhaltlich wertige Antwort auf unsere Fragen gar nicht leicht war (genau deshalb haben wir sie ja schließlich gestellt). Indem Sie solche Fragen trotzdem annehmen und sich um Antwort bemühen, zeigen Sie, dass Sie uns, Ihre potentiellen Wähler, ernst nehmen. Mit anderen Worten: Sie wollen also FÜR UNS kandidieren. Ganz unabhängig vom Inhalt Ihrer Antwort und Ihren Ansichten in allen übrigen politischen Fragen  freut uns das. Und wir werden uns daran erinnern - mindestens bis zum kommenden Wahlsonntag. 


Eigentlich schade, dass die übrigen Kandidaten sich gar nicht äußern, oder?


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Gehören Gefahrgüter auf S-Bahnstrecken?



Am Morgen des 6. Juli 2013 entgleiste ein führerloser Güterzug, der mit Rohöl beladen war, in der kanadischen Kleinstadt Lac Mégantic in der Provinz Quebec. Die Basler Zeitung titelte am 07.07.2013: "Geisterzug explodiert - 80 Menschen vermisst". Bei dem Großbrand wurden 40 Häuser zerstört, 2000 Menschen mussten evakuiert werden, von einer Bar, wo sich zum Unglückszeitpunkt mindestens 50 Menschen befanden, sei "nichts mehr übrig", schreibt die Basler Zeitung. Der Focus beschreibt am 08.07.2013 drastisch: "Kleinstadt gleicht nach Zugexplosion einem Kriegsgebiet". Inzwischen gibt es einen Artikel in der Wikipedia über das Unglück. Erschreckend ist auch der Vergleich zweier nächtlicher Satellitenbilder von Kanada, weil dort das Ausmaß der Katastrophe deutlich wird: 
Quelle Satellitenbilder: Nasa Earth Observatory

Was ist auf den NASA-Bildern vom Satelliten Suomi NPP aus 824 km Höhe, also sogar noch aus dem Weltall, zu sehen? Das linke und das rechte Bild zeigen dasselbe Gebiet jeweils in der Nacht vor und während des Großbrandes. Städte werden als mehr oder minder helle Lichtflecken sichtbar. Die Kleinstadt Lac Mégantic ist im linken Bild nur ein kleiner, blasser Lichtfleck. Das Feuer in Lac Mégantic leuchtet aber im rechten Bild ähnlich hell wie der Ballungsraum Quebec (750.000 Einwohner). Viele benachbarten Städte sehen im rechten Bild unscharf und verwischt aus, weil sie unter den gewaltigen Rauchschwaden des Großbrandes liegen.

Nun finden Unfälle mit Güterzügen nicht bloß weit weg von uns in Kanada statt, sondern durchaus auch bei uns in Mitteleuropa (siehe auch unser Blog, Januar 2013):
  • Am 30.11.2012 demo­lier­ten mit 200 Tonnen Stahl beladene Güterwaggons, die übrigens ebenfalls führerlos unterwegs waren, den S-Bahnhof Stuttgart-Feuer­bach (Spiegel-Online: „Stuttgart: Güterwaggons krachen in S-Bahn Haltestelle“).
  • Am 11.06.2013 verunglückte im Bahnhof Emmerich ein Güterzug und setzte hochbrennbares, ge­sund­heitsschädliches Styren frei (WAZ: „Chemie-Unfall am Bahnhof Emmerich – Zugverkehr stand still“)
  • Am 02.07.2013 ent­gleis­ten am S-Bahnhof Düsseldorf-Derendorf drei Waggons beladen mit 50 Tonnen des explosiven Gases Propylen (Westdeutsche Zeitung: „Güterzug-Unfall in Derendorf“
  • Am 04.05.2013 entgleiste bei Gent ein mit dem giftigen und brennbaren Acrylnitril beladener Zug (Stern: "Giftige Chemikalien explodiert: Zugunglück in Belgien fordert zwei Menschenleben")
Beim Güterzugunfall auf der Rheintalbahn bei Müllheim am 20.05.2011 zeigte sich, dass die Bahn bei Gefahrguttransporten offenbar noch nicht einmal selbst über ihre Ladung Bescheid weiß: jedenfalls musste die Feuerwehr laut Presseberichten stunden­lang warten, bis recherchiert war, welche Chemikalien geladen waren (Badische Zeitung: „Der Zugunfall ist noch lange nicht bewältigt“, 28.05.2011). 
Die Bahnhöfe in Stuttgart-Feuerbach, Emmerich, Düsseldorf-Derendorf liegen inmitten besiedelter Gebiete. Warum fahren mit Gefahrgütern beladene Güterzüge mitten durch unsere Wohngebiete? Und wenn das schon sein muss, warum fahren sie dort nicht langsam? Warum eigentlich gibt es keine Sicherheitsmaßnahmen, die verhindern, dass sich geparkte Güterzüge nachts und führerlos auf die Reise begeben (so wie in Stuttgart-Feuerbach oder in Lac Mégantic geschehen)? Auf der neuen Stuttgarter Strecke der S6 / S60 fahren insbesondere nachts viele Güterzüge. Wir finden: S-Bahn Strecken wurden für den Personenverkehr gebaut - sie führen also aus guten Grund mitten durch unsere Wohngebiete. Auf solche Strecken gehören keine Gefahrgüter. Schließlich schicken wir diese doch auch mit dem LKW durch die Anrainerstraßen, oder?