Sonntag, 6. Januar 2013

(Allerhand) Entgleisungen ...

Im Folgenden geht es um Unfälle bei der Bahn und um den Transport gefährlicher Güter. Außerdem gibt es eine Presseschau zum Jahresende und ganz zum Schluss auch noch Neuigkeiten aus der Insektenforschung.


Übrigens: Die AGVL (ArbeitsGemeinschaft Verkehrslärm Region Leonberg) hat sich eine moderne Website (http://www.agvl-leonberg.de/) gebaut.

Beginnen wir aber nun mit den Unfällen:  So wie bei allen anderen Verkehrsmitteln auch, kommen bei der Bahn von Zeit zu Zeit Unfälle vor. Glücklicherweise sind große Eisenbahn-Unfälle selten. [Wen sowas interessiert: Spiegel Online führt eine Liste von Unglücken aus jüngerer Vergangenheit und die Wikipedia sammelt historische Fälle seit Anbeginn des Bahn-Zeitalters.]


Über riskante Transporte 

"Keine Gefahrguttransporte in Wohngebieten" ... das fordert die IG BOHR in ihrer Herbolzheimer Erklärung vom 15.10.2012. Die Abkürzung IG BOHR steht für InteressenGemeinschaft Bahnprotest an Ober- und HochRhein. In der zitierten Erklärung geht es um Unfälle von Gefahrguttransporten der Bahn. Dort steht: "Mit dem Bau der Autobahnen wurden die Gefahrguttransporte aus den Wohngebieten verbannt. Jetzt sollen die Gefahrgüter mit der Bahnplanung mittels Güterzügen wieder in die Siedlungsgebiete hereingeholt werden. Transitgüterzüge müssen aber nicht durch Bahnhöfe und Ortschaften fahren ... Das ist unverantwortlich! Jede siebte Tonne Fracht, die mit Güterzügen transportiert wird, besteht aus Gefahrgütern - darunter gefährliche Chemikalien, Gase und explosive Stoffe. Güter, die sogar dazu führen können, dass im Fall einer Havarie innerhalb einer halben Stunde jegliches Leben in einem Umkreis von 500 Metern in hohem Maße gefährdet ist. Trotzdem hält die Bahn weiterhin an ihren Plänen fest, solche Güterzugstrecken für eine Geschwindigkeit von 120 km/h mitten durch Wohngebiete zu bauen." Berichtet hat darüber beispielsweise die Badische Zeitung am 26.11.2012 und Baden Online am 28.11.2012 unter dem Titel "Mögliche Katastrophe fährt stets mit". Zwar schreibt die IG BOHR hier eigentlich über die Rheintalbahn, aber der Inhalt der Erklärung gilt selbstverständlich auch anderswo. 

Auslöser für die Herbolzheimer Erklärung war der schwere Bahn-Unfall in Müllheim im Markgräflerland am 20.05.2011 bei dem ein mit giftigen Chemikalien beladener Güterzug entgleiste. Der Tagesspiegel vom 20.05.2011 titelte damals "Rheintalbahn nach Beinahe-Katastrophe weiter blockiert" und ganz ähnlich war es am 22.05.2011 im Stern nachzulesen. Am 28.05.2011 berichtete die Badische Zeitung über eine offenbar chaotische Organisation der Rettungsarbeiten: scheinbar gestaltete es sich schwierig den Strom abzustellen, was die Rettungsarbeiten um volle anderthalb Stunden (!) verzögerte; weiterhin waren zunächst für die Feuerwehr kaum präzise Informationen über die Art der verunfallten Chemikalien herauszubekommen, weil die Verantwortlichkeit dafür nicht etwa bei der Deutschen Bahn, sondern bei einzelnen Spediteuren gelegen habe. 

Die AGVL erklärt auf ihrer neuen Website, dass Treibstofftransporte für den Flughafen Zürich per Bahn auch über die westliche Güterzugumgehung Stuttgart (WeGuS) an Leonberg vorbeilaufen sollen. Die AGVL verweist ferner auf eine wissenschaftliches Studie vom 15.07.2012 von Prof. Kümmerer zum Thema Sicherheit. Aber lassen Sie uns nun in unsere Gegend blicken :


Die Stuttgarter Entgleisungen

Eine regelrechte Serie von drei (!!!) Zug-Unfällen ereignete sich 2012 innerhalb weniger Wochen am Stuttgarter Hauptbahnhof:


Aber es kommt noch schlimmer: Am 30.11.2012 brachen dann am Bahnhof Feuerbach mehrere Güterwaggons führerlos, mit 200 Tonnen beladen und mit hoher Geschwindigkeit durch einen Prellbock. Diese Entgleisung zerstörte Teile des Feuerbacher Bahnhofs. Spiegel Online berichtete, der SWR brachte eine Reportage vom Unfallort, welche auch auf YouTube steht:



Die Stuttgarter Zeitung schließlich verlinkt ein Video von den Aufräumungsarbeiten.


Die Gefahrenzone

Glück im Unglück war beim Feuerbacher Unfall, dass ein aufmerksamer Fahrdienstleiter im Stellwerk Zuffenhausen den Zug auf den Prellbock ausgeleitet hat und der Zug nicht auf die S-Bahnstrecke der S6 geriet. Ferner wäre es gar nicht auszudenken gewesen, wenn die Ladung giftig, brennbar oder gar explosiv gewesen wäre, so wie neulich in MüllheimDie in der Herbolzheimer Erklärung erwähnte Gefahrenzone mit Radius 500 Meter kann man sich nach den vier geschilderten Entgleisungen ja mal zur Veranschaulichung rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof bzw. rund um den Feuerbacher Bahnhof in den Stadtplan eintragen ...

Jedenfalls: So wie im letzten Beitrag dieses Blogs berichtet, kehren jetzt nach längerer Bauzeit die Güterzüge auf die Strecke der S60 zurück. Entlang der Geleise gibt es viele Wohngebiete mit weniger als 500 Meter Abstand. Manche Bürger fragen deshalb, ob Vorkehrungen für einen (selbstverständlich unwahrscheinlichen) Katastrophenfall getroffen wurden und wie diese Pläne eigentlich genau aussehen.


... und was gibt es sonst noch Neues?

Die Rhein-Zeitung berichtete am 29.11.2012, dass Bundesverkehrsminister Ramsauer bei den lärmabhängigen Trassenpreisen für den Güterzugverkehr gerade zurückrudert.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am 30.11.2012, dass die geplante Abschaffung des Schienenbonus wohl erst in zehn Jahren zu spürbaren Verbesserungen beim Bahnlärm führt und das auch nur auf Neubaustrecken, nicht aber auf älteren Bestandsstrecken. 

Die Welt vom 26.11.2012 berichtete ebenso wie Telepolis vom 27.11.2012, dass laut einer neuen wissenschaftlichen Studie in Familien, die in der Nähe von Autobahnen wohnen, verstärkt Autismus auftritt. Es heißt, dies sei wahrscheinlich auf die erhöhte Konzentration von Luftschadstoffen, wie Feinstaub und Stickstoffdioxid zurückzuführen, weil diese die frühkindliche Gehirnentwicklung beeinträchtigen.

Die Wiener Zeitung vom 06.12.2012 titelte "Wie man sich krank atmet" und berichtet dann "Beim Anstieg von Feinstaub um zehn Mikrogramm pro Kubikmeter kommt es zu einer Erhöhung der Mortalität innerhalb der nächsten Woche um fast zwei Prozent, innerhalb von zwei Wochen um 2,7 Prozent, ähnliche Folgen hat ein Anstieg von Stickstoffdioxid, die erhöhte Sterblichkeit ... korreliert mit der Nähe zur Straße". Dies hat übrigens nicht bloß ethische Folgen, sondern auch wirtschaftliche: "Gute Luft kostet Geld, aber schlechte Luft kostet langfristig wahrscheinlich viel mehr. Die erforderlichen Maßnahmen kämen ... billiger als die Kosten für die nicht vermiedenen Krankheits- und Todesfälle".

China ist ein aufstrebendes Land, welches von seiner Regierung nach klaren Kriterien gesteuert wird. Weil man die wirtschaftlichen Schäden durch Luftverschmutzung ziemlich präzise quantifizieren kann, erscheint es deshalb folgerichtig, dass China sich in seinem Fünfjahresplan konkrete Grenzwerte für die Konzentration von Feinstaub, Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid vorgibt [Quelle: China Radio International vom 05.12.2012 und das China Internet Information Center vom 06.12.2012].

"In Leonberg gilt nur noch die grüne Plakette" titelte die Stuttgarter Zeitung vom 28.12..2012. Diese innerstädtischen Verkehrsbeschränkungen helfen allerdings rein gar nichts gegen die Schadstoff-Belastungen von den umliegenden Autobahnen.

Die sächsische Freie Presse berichtete am 25.11.2012 über die Idee an der Autobahn A4 in der Nähe von Wohnbebauung zum Lärmschutz eine "Bürgersolaranlage" zu errichten.

Der Schwarzwälder Bote berichtete am am 14.12.2012, wie die verantwortlichen Behörden beim Ausbau der A8 am Enztal den Lärmschutz für Anwohner leichtfertig (oder gar vorsätzlich?) vernachlässigen. Anwohner, Gemeinderäte, Bürgermeister und Abgeordnete laufen Sturm: vergebens.

Der NDR hatte am 25.11.2012 einen Beitrag in "Hallo Niedersachsen", wo es um Tempolimits auf Autobahnen ging, unter anderem zur Vermeidung von Unfällen. Vor der dort anstehenden Landtagswahl wurden dazu Politiker verschiedener Parteien interviewt.


... und hier zum Jahreswechsel noch etwas Tierisches:

Der Deutschlandfunk berichtete am 15.11.2012, Bielefelder Forscher hätten herausgefunden, dass männliche Nachtigall-Grashüpfer in der Nähe einer Autobahn ihren Gesang verändern, um trotz des Lärms von ihren Angebeteten erhört zu werden. Der wissenschaftliche Artikel darüber ist zwar weniger leicht lesbar, verleitete aber den österreichischen Standard am 18.11.2012 zu der sensationellen Überschrift "Liebestolle Heuschrecken übertönen sogar Autobahnlärm".

Insektenforscher aus der Wilhelma (und nicht aus Bielefeld)