Sonntag, 3. März 2013

Brüssel bemängelt Belastung der Ballungsräume

 Die Stuttgarter Zeitung schrieb am 28.02.2013: "Deutsche Städte wegen stickiger Luft unter Druck" und die Tageszeitung fragt: "Drohen Fahrverbote in den Städten?". Was ist da geschehen? In vielen deutschen Städten und Regionen ist der seit 2010 gültige Grenzwert für Luftschadstoffe, wie Stickstoffdioxid verletzt und Deutschland bat um Fristverlängerung. Dies lehnte die EU-Kommisison am 20.02.2013 ab. Wenn unsere Behörden jetzt nicht rasch eine nachhaltige Besserung einleiten, dann drohen möglicherweise die Eröffnung eines Verfahrens wegen Verletzung von Europa-Recht und Strafzahlungen.
Morgenstimmung auf der A8

Was sieht das ganze nun in Leonberg aus? 

Der Grenzwert für Stickstoffdioxid wird auch hier bei uns nicht eingehalten. Die Hauptursache für die Belastung ist der Verkehr und zwar sowohl auf innerstädtischen Straßen, als auch der Eintrag von Luftverschmutzung von den umliegenden Autobahnen.  Über die Situation in Leonberg und eine aus unserer Sicht abwegige Argumentation der Behörde haben wir in einem Blogartikel im letzten November berichtet. Bei uns argumentieren die verantwortlichen Behörden, dass die innerstädtischen Maßnahmen - nämlich das Verbot von Autos mit roten oder gelben Plaketten, sowie ein Durchfahrverbot für LKW - ausreichend seien. Wie solche Maßnahmen gegen die Grenzwertüberschreitungen in verkehrsarmen, autobahnnahen Wohnstraßen wirken sollen, bleibt ein Geheimnis der Behörden. Nach Ansicht von Regierungspräsidium Stuttgart und dem von Grünen (!) geführten Ministerium für Verkehr und Infrastruktur klingt die Belastung unmittelbar neben der Autobahn ab.

Wie viel Belastung geht eigentlich von den Autobahnen aus? 


Leider gibt es für unsere Region keine Rasterkarten für die Emission von Stickstoffdioxid, denn diese sind nicht vorgeschrieben. Aber für Bayern gibt es derartige Karten. Uns woran erinnert Sie diese Karte? Richtig! Statt mit einer Straßenkarte könnten Sie durchaus auch mit dem Emissionskataster des Bayerischen Landesamts für Umwelt durch Bayern navigieren. In Bayern mögen vielleicht die Uhren anders gehen, aber es herrschen auch im Freistaat dieselben physikalischen Gesetze wie anderso auf der Welt.
Stickstoffdioxid-Emissionen in Bayern (Quelle: Bayer. Landesamt für Umwelt)

Die Belastung mit Stickstoffdioxid (chemisch: NO2) verteilt sich, wie man auf dieser Karte erkennt, sowohl über Ballungsräume und Innenstädte, als auch entlang der viel befahrenen Straßen, wie den Autobahnen. Beides, die Innenstädte und die Autobahnen, sind rot eingezeichnet. Weil bei uns bekanntlich der Verkehr die Hauptquelle für das Stickstoffdioxid darstellt, ist es auch nur logisch, dass eine Emissionskarte im wesentlichen so wie eine Straßenkarte aussieht. Die Argumentation der Behörden, dass die auf der Autobahn erzeugten Schadstoffe die nahe gelegenen Wohngebiete nicht belasten, dient einzig einem Zweck: War würde wohl geschehen, wenn man zugeben müsste, dass die Luftreinhalteplanung für viele Städte Makulatur ist? Tempo 80 auf der Autobahn rund um Stuttgart? LKW-Überholverbot?


Für Lärm gibt es Rasterkarten

und das nicht nur in Bayern, sondern auch für unsere Gegend. Die Behörden sind nämlich verpflichtet einen solche Lärmkartierung durchzuführen. Hier nun die Karte für die nächtliche Lärmbelastung in Leonberg. Zum Download und Hineinzoomen steht hier eine hochauflösende Version des Bildes (2.6 MByte), in der man bis auf einzelne Wohnhäuser vergrößern kann.
Lärmkartierung Leonberg (Quelle: LUBW, 2013)
Nun kann man selbstverständlich nicht so einfach davon ausgehen, dass Lärm und Stickstoffdioxide gleichartige Belastungen verursachen, weil sich die physikalischen Gesetze für die Ausbreitung von Schall und von einem Gas, wie NO2, unterscheiden. Außerdem hängt die Belastung in komplizierter Weise von der Topographie, der Bebauung und Wind und Wetter ab. Andererseits ist der Straßenverkehr Hauptquelle für beides, Lärm und Luftverschmutzung, und deshalb kann man die hier gezeigte Karte (Quelle: LUBW-Lärmkarten) zumindest als ein Indiz oder einen Indikator betrachten.


Wo viel Lärm herrscht, wird es vermutlich auch viel Luftverschmutzung geben

Wie ist nun das Ergebnis der Lärmkartierung im Einzelnen zu interpretieren? Die AGVL hat das ganze bereits ausführlich und inhaltlich kommentiert. Zusammenfassend muss man sagen: Etliche verkehrsreiche Straßen wurden nicht bewertet. Die Bahn, welche bei uns ja eine sehr erhebliche Lärmquelle darstellt, fehlt komplett. Die Lärmkartierung ist deshalb derzeit aus Bürgersicht Stückwerk und unvollständig.

Andererseits ist die Lärmkarte sehr hoch auflösend und man kann darauf einzelne Häuser gut erkennen. Der nächtliche Grenzwert für Wohngebiete beträgt 49 dB(A) gemäß 16. BImSchV (ferner gibt es einen nicht verbindlichen Orientierungswert nach DIN in Höhe von 45 dB(A)). Die gelbe Farbe in der Lärmkarte zeigt Gebiete mit grenzwertiger Belastung von 45-50 dB(A), also zwischen Orientierung- und Grenzwert; die braune Farbe 50-55 dB(A) zeigt bereits klare Überschreitungen. Wie man sieht, liegt eine nicht unerhebliche Anzahl von autobahnnahen Leonberger Wohngebäuden oberhalb des Grenzwertes, wie beispielsweise der Ausschnitt für den Ortsteil Silberberg zeigt (zum Download: Bild mit besserer Auflösung, allerdings 1MByte):
Ausschnitt aus der Lärmkartierung der LUBW, 2013: Leonberg-Silberberg
Silberberg liegt außerhalb der Innenstadt. Wie hoch mag dort wohl die Schadstoffbelastung sein? Aktuelle Berechnungen gibt es dazu leider nicht, jedoch aus den neunziger Jahren das folgende Bild, welches zeigt, dass laut der damaligen Berechnungen ganz Silberberg den heutigen Grenzwert von 40 µg/m³ für Stickstoffdioxid verletzt (zum Download: Bild mit höherer Auflösung).

Ein Blick auf die Alte Ramtel Straße in Leonberg 

In der Stadt sieht es eher noch schlimmer aus: Schauen wir uns zunächst einmal eine Karte in der Nähe des Leonberger Dreiecks an (Download, 0,5 MByte).
Leonberger Dreieck (Quelle: "marble virtual globe" mit "open street map")
Am oberen Rand, etwas rechts von der Mitte, liegt die Alte Ramtel Strasse. Dort ist liegt laut Berechnung aus der Fortschreibung des Luftreinhalteplans für Leonberg aus 2011 die Belastung mit Stickstoffdioxid zwischen 48 und  54 µg/m³, also deutlich jenseits des Grenzwertes. 
Ausschnitt aus dem Schadstoffgutachten zum Luftreinhalteplan für Leonberg 2011 (Quelle: Regierungspräsidium Stuttgart): die Karte zeigt die berechnete Belastung mit Stickstoffdioxid, leider nicht als Rasterkarte. Am unteren Bildrand rot eingezeichnet und daher weit oberhalb des Grenzwertes ist die Alte Ramtel Strasse. Die Autobahn wurde leider auf der Karte abgeschnitten (Ein Schuft, wer Böses dabei denkt).

Betrachten wir die Lärmkartierung dieser Gegend (und wir betonen nochmals, dass die Lärmkarte sicherlich nicht identisch zu einer Schadstoffkarte aussehen wird, aber die Behörden legen ja keine solche vor).
Lärmkarte des Leonberger Dreiecks (Quelle: LUBW, 2013)
Man erkennt: Die Alte Ramtel Straße liegt überschreitet also den Grenzwert für Sticlkstoffdioxid (laut Berechnung des Regierungspräsidiums Stuttgart) und liegt bei der Lärmkartierung im "braunen Bereich", der den Lärmgrenzwert übersteigt. 

Noch näher am Leonberger Autobahndreieck liegt übrigens das Leonberger Freibad. Da kommen dann an heißen Sommertagen zu den Stickoxiden und dem Feinstaub auch noch die hohen Ozonwerte. Glauben Sie wirklich, dass Bewegung da noch gesundheitsfördernd ist?



Und hier noch das Letzte in Kürze:

In einem vorangehenden Beitrag dieses Blogs war ein Bericht der Frankfurter Allgemeinen zitiert, wonach der Ortsverein Sachsenhausen der SPD beitrittswilligen Fluglärmgegnern die Mitgliedschaft verweigert. Die wollen nämlich - offenbar anders als manche Parteipolitiker - nachhaltig gegen Fluglärm vorgehen. Der Deutschlandfunk hatte neulich, am 07.02.3013, ein Update dazu: Die Neuzugänge dürfen inzwischen zwar beitreten, aber willkommen sind sie wohl nicht.
 Apropos, wenn wir gerade über Hessen reden: In der Frankfurter Rundschau stand neulich, dass in Hessen die Todesstrafe immer noch in der Verfassung verankert ist. Ein Kommentator meinte dort dazu, die Ursache sei, dass Politiker ihre Verfassung wahrscheinlich nicht lesen. Wir hoffen jetzt einfach mal, dass dieser Kommentator recht hatte, und dass die Politiker die Todesstrafe nicht absichtlich in der hessischen Verfassung stehen gelassen haben.