Sonntag, 16. Februar 2014

Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.

Am 15.02.2014 demonstrierte Leonberg für den Erhalt seines Kreiskrankenhauses. So voll war der Marktplatz selten. Goethe (von dem der Titel dieses Beitrags stammt) konnte zwar selbst nicht mehr kommen, aber rund 1300 Bürger waren da, auch der Oberbürgermeister. 

Was war der Anlaß für diese Kundgebung? Die Beratungsfirma Teamplan schlägt vor, aufgrund von Kostendefiziten die Kliniklandschaft im Kreis Böblingen neu zu ordnen: Laut deren neuem Medizinkonzept sollen die wertigsten Leistungen in einem neu zu errichtenden, zentralen Klinikum Sindelfingen-Böblingen am Flugfeld gebündelt werden. Angeblich hilft dies die Defizite (2013: Sindelfingen/Böblingen 12,6 mio €, Leonberg 4,3 mio €, Herrenberg 2,6 mio €, Calw/Nagold 7,2 mio €) zu reduzieren. Vorausgesezt wird von den Beratern, dass die Patienten auch aus den entfernter liegenden Gegenden ins neue Zentralklinikum gehen statt sich beispielsweise in Stuttgart behandeln zu lassen. Ob dies tatsächlich so kommt, erscheint vielen fragwürdig. Als Konsequenz der geplanten Zentralisierung wird die heute vorhandene Leistungsfähigkeit der lokalen Krankenhäuser in Zukunft zugunsten der Zentralklinik bewusst heruntergefahren.
Warum übernehmen Krankenkassen und öffentliche Hand nicht einfach die Verluste von Krankenhäusern? Diese dienen schließlich der Daseinsvorsorge und genau dafür zahlen wir alle üppige Beiträge und Steuern. Ein Blick ins Statistische Jahrbuch 2013 (Seite 314f) zeigt, dass das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner im Jahr 1968, als das Kreiskrankenhaus Leonberg gebaut wurde, 4.583 Euro betrug und bis ins Jahr 2012 auf 32.279 Euro anstieg. Wir sind also heute pro Nase um den Faktor 7 mal reicher als vor 45 Jahren. Der monatliche Bruttolohn stieg im gleichen Zeitraum von 468 Euro auf 2536 Euro, was (nur) einem Faktor 5,4 entspricht. Offenbar ist das Lohnniveau im Vergleich zur allgemeinen Wirtschaftsleistung etwas zurückgefallen. Selbst wenn die Gehälter von Chefärzten stärker gestiegen sein sollten als die der Krankenschwestern, steht eines fest: Wir Deutsche haben genug Geld, um uns heute eine bessere medizinische Versorgung als vor 45 Jahren zu leisten. Kein vernünftiger Mensch spart an seiner Gesundheit (anders als die Berater von Teamplan). 
Anstatt nun zu fragen, warum die Krankenhäuser so defizitär arbeiten und wo wieviel Geld hinfließt und wie es möglicherweise verschwendet wird, wollen die Unternehmensberater von Teamplan "Strukturen bündeln", um "nach Effizienzpotentialen zu suchen". Das ist mal wieder typisch für Berater. Wir meinen: Defizite sind ein Symptom dafür, dass unser Gesundheitswesen Probleme macht, aber nicht die Ursache. Jenes "Nach Effizienzpotentialen Suchen" kuriert lediglich an Symptomen herum.

Ach ja: Teamplan verdient sein Geld nicht nur mit Gutachten zur Standortplanung, sondern auch mit der Planung und Einrichtung neuer Kliniken. Mit diesem Gutachten hat es Teamplan also nicht mehr allzu weit bis zu einem Folgeauftrag zur konkreten Planung und Einrichtung jener Zentralklinik. Je größer die ausfällt, umso lukrativer wird das Projekt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Das Flugfeld ist übrigens ein Industriegebiet in "verkehrsgünstiger Lage" nahe der Autobahn A81. Warum man ausgerechnet dort eine Klinik bauen möchte, erscheint merkwürdig. Die Umgebung des Leonberger Krankenhaus ist jedenfalls besser und trägt vielleicht auch ein wenig zur Genesung bei. Die AGVL hat dazu am 29.01.2014 einen Brief voller Fakten an den Landrat geschrieben.

Nachdem uns Herr Goethe die Überschrift dieses Beitrages geschenkt hat, wollen wir jetzt aus kulturellen Gründen mit einem kleinen Gedicht schließen. Es ist allerdings nicht von Goethe.

Der Landrat plant im Fieberwahn
sein Krankenhaus "Zur Autobahn".
Es liegt von uns in weiter Ferne,
deshalb besucht es keiner gerne.
Angeblich soll es Kosten sparen.
Wenn man nach elend langem Fahren,
freundlich begrüßt wird von TeamPlan:
"Willkommen bei der Autobahn!
Heut' stehn auf dem Genesungsplan
gesunder Lärm, heilsamer Dreck."
Wer dann noch kann, der rennt schnell weg.


Nachtrag vom 18.02.2014

Die Leonberger Kreiszeitung berichtet am 17.02.2014 über die Kundgebung mit der Überschrift "Leonberg ist keine Wald- und Wiesenklinik".
Die Stuttgarter Zeitung fragt am 18.02.2014 "Wer will schon in ein Autobahnkrankenhaus gehen?"

Nachtrag vom 20.02.2014

Die Leonberger Kreiszeitung berichtet heute "Klinikdebatte spaltet auch Grüne" und gestern im Artikel "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft" über eine Diskussion mit der Seniorenunion.

Nachtrag vom 21.02.2014

Die Stuttgarter Zeitung veröffentlicht eine repräsentative Umfrage "75% wollen eine starke Klinik".
Wenn wir gerade bei Umfragen sind: Die Welt weiß "Wem die Deutschen wirklich vertrauen"  :-)

Update vom 28.02.2014

Auf Seite 3 der Renninger Stadtnachrichten steht eine lesenswerte Resolution.

Auch Rutesheim hat eine entsprechende Resolution für das Leonberger Karnakenhaus verabschiedet, wie die Stuttgarter Zeitung am 26.02.2014 berichtet im Artikel "Es geht um Menschen und weniger um Bilanzen".