Mittwoch, 11. Juni 2014

Euphemismus ...

... kommt vom altgriechischen εὐφημία und das sind "Worte von guter Vorbedeutung". Ein Euphemismus dient der Beschönigung unerfreulicher Tatsachen. Was einst ein Kriegsministerium war, heißt heute Verteidigungsministerium. Wir transpirieren anstatt zu schwitzen. Der Hausmeister übt einen neuen Beruf aus, er ist Facility Manager geworden. Unvergesslich bleibt, wenn sich vor unseren großen und erstaunten Augen die Mülldeponie in einen Entsorgungspark verwandelt. Der Müll wird auch nicht mehr verbrannt, sondern dem thermischen Recycling zugeführt. Die Zielgruppe solcher Sprachkünste sind die 'kognitiv Herausgeforderten', die man in vergangenen, politisch unkorrekten Zeiten gerne als Idioten bezeichnete. Das erscheint jedoch bedenklich, weil das griechische Wort ἰδιώτης auf Deutsch "Privatperson" heißt - anders gesagt: damit gemeint sind wir Bürger! Jene Dichter und Poeten, die viele Euphemismen gebrauchen, halten allzu oft ihre Kommunikationspartner für Idioten.


Optimierung der Verkehrsführung (AS Leo-West, 06.06.2014)


So war am 16.05.2014 in der Stuttgarter Zeitung ein Artikel mit der Überschrift zu lesen "A8 bei Leonberg: vier Spuren, aber kein Lärmschutz". Die Autobahn soll ausgebaut werden, indem man den Standstreifen in eine zusätzliche Fahrspur - einen sogenannten Verflechtungsstreifen - umwandelt. Die Behörde verkündet:

"Ziel des Projekts: „Die täglich zu beobachtenden Staus sollen minimiert und der Verkehrsfluss verstetigt werden“, erklärte Tobias Burkard. Zudem werde die Sicherheit erhöht, wenn weniger Spurwechsel nötig sind. Die Kosten von 13,2 Millionen Euro trägt der Bund."

Das klingt gut, denn ... 
  • die lästigen Staus werden minimiert, 
  • der Fluss wird verstetigt, 
  • die mangelnde Sicherheit wird erhöht
  • und zahlen wird jemand anders.

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube

  • Der Bund bekommt doch sein Geld von den Steuerzahlern: Die Zeche zahlen also am Ende immer die Bürger. Wir! Wer sonst?
  • Wer die Sicherheit erhöhen möchte, der schafft doch nicht den Pannenstreifen ab! Die Standspur wurde einst erfunden, um die Sicherheit zu erhöhen. Wenn sie durch einen "Verflechtungsstreifen" ersetzt wird, dann stehen Autofahrer, die eine Panne haben, mitten auf der Fahrbahn des verkehrsreichsten Autobahnabschnittes Deutschlands. Ohne Ausweichmöglichkeit! Auch Polizei- und Rettungsfahrzeuge kommen nicht mehr über einen Standstreifen durch, wenn dieser zugestaut ist. Die Wikipedia weiß "Das Unfallrisiko auf Autobahnen ohne Standstreifen ist um bis zu 30 % höher."
  • Wer einen Fluss verstetigen möchte, der sollte sich daran erinnern, dass nach Beseitigung der natürlichen Rückhalte die Hochwasser immer verheerender werden. Genau der gleiche Effekt ist beim Verkehr zu erwarten: je "reibungsärmer" die Infrastruktur ausgebaut wird, umso ungehinderter fließt der Verkehr hindurch und umso katastrophaler prägen sich dann unvermeidliche Verkehrsspitzen als Staus an den kritischen Brennpunkten aus (genau wie ein Hochwasser an einem begradigten Fluss).
  • Die Menge aller Staus wird niemals weniger. Beim weiteren Ausbau der Autobahnen nimmt nämlich der Verkehr immer weiter zu, bis die Straßen wieder genauso verstopft sind wie zuvor. Und genau dieses Phänomen prognostiziert das Regierungspräsidium, weil man dort davon ausgeht, dass der Verkehr auf der A8 von heute rund 150.000 auf 170.000 Fahrzeuge pro Tag zunehmen wird. Der Schwerverkehr soll sich sogar bis 2025 von rund 22.000 auf 38.000 LKW pro Tag nahezu verdoppeln (Quelle: Unterlage zur Gemeinderatssitzung 13.05.2014 in Leonberg).
Bleiben wir fair ... neben den erwähnten Nachteilen hat so ein Verflechtungsstreifen doch auch seine Vorteile:
  • wir schaffen endlich mehr Platz auf der Autobahn, um dort mehr LKWs unterzubringen,
  • bei Stauungen gibt es mehr Stellplätze - auf dem ehemaligen Standstreifen, denn dieser musste seither freigehalten werden,
  • flotte Fahrer hochmotorisierter Familienrennreiselimousinen können langsamere Verkehrsteilnehmer auf dem Verflechtungsstreifen bequem rechts überholen,
  • was als Nebeneffekt eine willkommene erzieherische Wirkung auf lästige "Früheinfädler" ausüben wird, die das Reißverschlusssystem immer noch nicht verstanden haben, 
  • und wenn man im Pannenfall abseits einer Nothaltebucht liegenbleibt, dann stärkt dies immerhin unser Gottvertrauen.
Ein weiterer Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 10.06.2014 trägt den Titel "Vierspuriger Ausbau durch die Hintertür". Auch dort finden wir Euphemismen im Umgang mit Idioten Bürgern. Beispielsweise macht die Behörde einen feinsinnigen Unterschied zwischen einem "Umbau", bei welchem keine Lärmschutzmaßnahmen erforderlich werden, und einem "Ausbau", wo strengere Schutzbestimmungen greifen. Warum das Regierungspräsidium seine Pläne wohl als Umbau bezeichnet?

Das Regierungspräsidium Stuttgart reagiert auf Vorwürfe der Arbeitsgemeinschaft Verkehrslärm Region Leonberg (Quelle: AGVL und deren Stellungnahme zur Salamitaktik) gelassen und wimmelt ab: "Derzeit würden alle Kommunen angehört. An der Auffassung, dass es sich bei dem Projekt nicht um eine „wesentliche Änderung“ handelt, habe sich nichts geändert. Der zusätzliche Fahrstreifen ist zudem ein Wunschprojekt des Landesverkehrsministeriums." Was will man uns damit sagen? Anhören heißt nicht notwendigerweise Zuhören. Man hält den Vorgang eigentlich für arg unwesentlich (geht weiter, Leute, hier gibt's nix zu sehen). Und Verursacher von Verdruss ist natürlich immer jemand anders - hier der Verkehrsminister, der notfalls auch als Sündenbock zu gebrauchen ist.

Jenes Gedöns über das Minimieren von Staus, das Verstetigen von Verkehrsflüssen, die Erhöhung der Sicherheit und angebliche Wünsche des Ministers ist der Versuch die Folgen des Ausbaus der A8 vor vermeintlich kognitiv behinderten Bürgern mit Euphemismen zu tarnen.

Kurz und gut: wir werden tierisch vera---lbert !