Sonntag, 6. Juli 2014

Qualität ist Chefsache

Warnschilder statt Sanierung? Dort wo der Flüsterasphalt liegt, da wird vor Fahrbahnschäden gewarnt, Das Foto entstand auf der A8 an der Steigung zwischen Wasserbachtalbrücke und Rutesheim. Den konventionellen Fahrbahnbelag aus Splittmastix erkennt man vorne im Bild an seiner dunkleren Farbe - den Flüsterasphalt erkennt man an seiner helleren Farbe weiter hinten im Bild und am Warnschild am Straßenrand.

Schon mehrfach schrieb die Presse (und auch wir in diesem Blog, beispielsweise hier und hier) über den rapiden Zerfall der Fahrbahndecke aus Flüsterasphalt auf der A8 zwischen Leonberg und Heimsheim. Deshalb fragten wir neulich beim Chef der zuständigen Behörde etwas genauer nach. Diesen Briefwechsel mit Herrn Regierungspräsident Johannes Schmalzl teilen wir gerne.

Wir bedanken uns bei Herrn Schmalzl für den aufschlussreichen Briefwechsel. Wir lernen daraus Folgendes:

  • Der Flüsterasphalt ist unbestritten ein Frühausfall, denn er hält bei uns nur etwa halb so lange wie vergleichbare Fahrbahnbeläge in Bayern.
  • Der Regierungspräsident konzediert Herstellungsfehler beim Flüsterasphalt. Er erklärt uns aber nicht überzeugend, warum bis heute nur wenige der vielen vorhandenen Schadstellen repariert wurden. Außerdem bleibt im Dunklen, warum die Probleme nicht bei der Bauabnahme erkannt wurden und warum mit den Reparaturen so lange gewartet wurde, bis die Garantiezeit verstrichen war und somit der Steuerzahler für die meisten der Reparaturkosten einstehen muss.
  • Das Regierungspräsidium verlegt Flüsterasphalt, um in anliegenden Wohngebieten die Lärmgrenzwerte einzuhalten. Dies ist fehlgeschlagen: beispielsweise in Leonberg-Silberberg zeigte eine Nachrechnung der Lärmbelastung durch das Regierungspräsidium bereits im Jahr 2010 eine Grenzwertüberschreitung. Dazu gibt Schmalzl keinen Kommentar. Sein Schweigen werten wir als Zustimmung.
  • Der Frühausfall des Belages ist angeblich auf allzu hohe Schubkräfte im Belag zurückzuführen, insbesondere in Kurven und an Steigungen, sowie beim Beschleunigen und Bremsen. Weil sowohl die Verkehrszahlen als auch jene Kräfte zum Zeitpunkt der Planung rechnerisch bekannt waren, war die Verlegung von Flüsterasphalt an solchen Orten ein Planungsfehler. Der Belag ist ungeeignet.
  • Statt zu reparieren stellt der Regierungspräsident inzwischen Warnschilder auf, um die Verkehrsteilnehmer vor den Unebenheiten der zerbröckelnden Fahrbahn zu warnen (siehe Bild. Weitere Warnschilder stehen unweit der Ausfahrt Heimsheim und in der Auffahrt Leo-West). 
  • Der Regierungspräsident stellt eine Sanierung für 2016 in Aussicht, falls genug Geld da ist, und er plant originellerweise erneut Flüsterasphalt einzusetzen

Wir halten fest: Der Regierungspräsident möchte mit dem gleichen Straßenbelag sanieren, der (laut Berechnung seines Hauses 2010) den Lärmgrenzwert verletzt, der (laut seinem Schreiben vom 13.02.2014) den Schubkräften beim Befahren nicht standhält und der (laut vielen Presseberichten) aufgrund der Herstellungsfehler seit 2008 vor sich hin bröselt. Qualitätsmanager wissen: "Einmal ist keinmal, aber zweimal ist einmal zu viel". Gemeint ist damit: überraschende Qualitätsmängel kommen zwar gelegentlich vor - aber man darf bekannte Qualitätsfehler keinesfalls wiederholen. Denn beim zweiten Mal sind sie keine Überraschung mehr. Qualität ist Chefsache und der Regierungspräsident ist der Chef derjenigen Behörde, die Planung, Bau und Abnahme der BAB A8, sowie deren Sanierung verantwortet. Der Chef handelt unverantwortlich, wenn er wissentlich zulässt, dass schon einmal begangene Qualitätsfehler wiederholt werden. 

"Piscis primum a capite foetet" wußte der berühmte Humanist Erasmus von Rotterdam und erklärt das in seiner Sammlung von Sprichworten so "Es fängt der Fisch zuerst vom Kopf zu stinken an. Das ist gegen die schlechten Herrscher gerichtet, die mit ihrer Verderbtheit das ganze Volk anstecken." Das war 1535 für die damaligen Herrscher richtig und es gilt heute für Führungskräfte.

Falls man mit dem gleichen Straßenbelag wie 2008 saniert, so ist zu erwarten, dass binnen kurzer Zeit der Zerfall der Fahrbahndecke erneut einsetzt und dass die Lärmgrenzwerte auch mit der neuen Flüsterasphaltdecke nicht eingehalten werden, zumal die Verkehrszahlen immer weiter steigen. Eine Sanierung mit untauglichen Maßnahmen ist als Verschwendung von Steuergeldern zu betrachten. Dem Behördenchef ist all dies bekannt. Und wir dokumentieren deshalb den obigen Briefwechsel im Internet. Denn: Das Internet vergißt nichts.

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Nachtrag

Am 07.02.2014 brachte der Fernsehsender 3sat im Rahmen der Sendereihe 'makro' einen ernüchternden Beitrag mit dem Titel "Infrastruktur: Deutschland zerbröselt".
Zitate daraus:
  • (01:25) "Die Verkehrswege sind so schlecht, dass sie den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährden. Das ist auch kein Wunder, denn kein Land in Europa investiert, gemessen an seinen Gesamtausgaben, so wenig in sein Verkehrsnetz wie Deutschland." Die Konsequenz ist klar:
  • (01:40) "Rund ein Drittel der deutschen Autobahnen gelten heute als sanierungsbedürftig. Bei der Bahn werden seit Jahren Gleise und Bahnhöfe stillgelegt. Um die Infrastruktur zu erhalten müsste Deutschland 7 Milliarden pro Jahr investieren." Zwar fehlt dafür das Geld ...
  • (02:10) "Doch für Großprojekte gibt es Geld ohne Ende. Der Berliner Flughafen, Stuttgart 21 und die Elbphilharmonie sind nur die bekanntesten Fälle." Woher das kommt?
  • (03:00) "Ohne die Bau-Mafia würde es Stuttgart 21 nicht geben. Geht die Politik den Lobbyisten im Hintergrund auf den Leim?" fragt Professor Monheim, der Gründer des Verkehrsclub Deutschland (VCD).
  • (20:00) ... dann, ab der 20. Minute geht es um Straßenlärm ...
  • (21:50) "Flüsterasphalt ist längst nicht so widerstandsfähig wie herkömmliche Straßenbeläge und verliert auch seine lärmschluckende Eigenschaft noch recht schnell."
Alle wissen also Bescheid und es kommt sogar schon im Fernsehen: Flüsterasphalt taugt nicht für hoch belastete Straßen. Wer diesen heutzutage dennoch verlegt, muss ganz schön verschnarcht sein (denn ein Mitglied der von Professor Monheim vermuteten "Bau-Mafia" kann er doch wohl nicht sein).